Richtungsstreit : Jüdische Gemeinde vor Führungswechsel

Nach dem Rückzug des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Berlin, Albert Meyer, werden womöglich die russisch-stämmigen Zuwanderer mehr Macht an sich ziehen. Meyer hatte seinen Rücktritt mit "unüberbrückbaren Differenzen" gerechtfertigt.

Berlin - Nach dem angekündigten Rückzug ihres Vorsitzenden Albert Meyer steht die zerstrittene Jüdische Gemeinde zu Berlin möglicherweise vor einem Richtungswechsel. Beobachter erwarten, dass nun die russisch-stämmigen Zuwanderer die Macht an der Spitze der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands übernehmen. Meyer, ein Vertreter des liberalen Judentums, hatte in einem am Dienstag veröffentlichten Interview mit der «Jüdischen Allgemeinen» seinen Rücktritt erklärt. Als Begründung für seinen Schritt nannte er «unüberbrückbare Differenzen in der Gemeindeführung». Wie in den meisten jüdischen Gemeinden in Deutschland haben auch in Berlin die Zuwanderer aus Russland mittlerweile die Mehrheit.

Seit Monaten sei im Vorstand und in der Repräsentantenversammlung eine konstruktive Arbeit nicht mehr möglich, sagte Meyer in dem Interview. Er räumte ein, dass an der Spitze mittlerweile seine Widersacher das Sagen haben. «Einzelpersonen stellen ihren Ehrgeiz und ihre Interessen über das Gemeinwohl», meinte er. Bereits im Sommer hatte der Anwalt eine zweite Amtszeit ausgeschlossen: «Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mir das noch einmal antun werde.»

Der jüdische Publizist Rafael Seligmann sagte zu dem Rücktritt, dies sei ein sozialer Konflikt, der demokratisch gelöst werde. Er zeigte sich gelassen: «Ich mache mir auch keine Sorgen um Deutschland, wenn ein SPD-Vorsitzender aufhört.» Nun rechnet Seligmann mit einem Übergangskandidaten, danach mit einem russisch- stämmigen Vorsitzenden. Dies sei richtig, weil die Zuwanderer in der Gemeinde die Mehrheit haben.

Der 57-jährige Meyer war erst im Januar 2004 in sein Amt gewählt worden, nachdem es zuvor einen lang anhaltenden Machtkampf hinter den Kulissen gegeben hatte. Mit dem gebürtigen Berliner leitete erstmals seit 1945 ein Vertreter der nach dem Holocaust geborenen Juden die Gemeinde. Meyer setzt sich nun für baldige Neuwahlen ein. Laut «Berliner Zeitung» ist in der Gemeinde im Gespräch, dass Meyers Amtsvorgänger Alexander Brenner wieder den Vorsitz übernimmt.

Die Jüdische Gemeinde zu Berlin hat mehr als 12.000 Mitglieder und besteht zu zwei Dritteln aus Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion. Das Gemeindemagazin «Jüdisches Berlin» erscheint daher zweisprachig. (tso/dpa)

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