"Ricky - normal war gestern" : Forscher Junge begeistert Kritiker

Rafael Kaul spielt die Hauptrolle im neuen Kinder- und Jugendfilm „Ricky – normal war gestern“ von Regisseur Kai S-Pieck. Jungstar und Film werden viel gelobt. Beim Children's Film Festival in Seattle errang Rickys Geschichte einen der besten Preise. Trotzdem will der 12-jährige Berliner später Naturwunder ergründen.

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Wacher Blick. Rafael Kaul und sein Markenzeichen im Ricky-Film - der 101%-Fahrradhelm.
Wacher Blick. Rafael Kaul und sein Markenzeichen im Ricky-Film - der 101%-Fahrradhelm.Foto: Thilo Rückeis

Ganz schön selbstbewusst, der Junge. „Hey, still“, ruft er und blickt seine Mutter unwirsch an. Die sitzt ihm gegenüber am Küchentisch in der Villa der Familie Kaul in Lichtenrade und will nur mal kurz erläutern, was Bionik bedeutet, das Berufsziel ihres zwölfjährigen Sohnes. „Das erklär ich“, sagt Rafael Kaul, genannt Raffi. Also. „Bionik ist der Versuch, Wunder der Natur wie den Vogelflug technisch nachzuahmen. Hat schon da Vinci gemacht.“ Klarer Fall: Dieser impulsive Junge hat das Zeug zum „Jugend forscht“-Gewinner. Stattdessen tourt er durch Premierenkinos und stellt den neuesten Kinder- und Jugendfilm von Regisseur Kai S. Pieck vor: „Ricky – normal war gestern.“ Rafael ist Ricky, viel gelobt wegen seines überzeugenden Spiels.

Wer aber glaubt, der Junge wolle beim Film Karriere machen, irrt. Für Raffi steht fest: „Ich werde Bioniker.“ Er geriet ja eher zufällig vor die Kamera. Bewarb sich vor ein paar Jahren bei einem Pokémon-Fan-Wettbewerb, die Pocketmonster waren damals seine Leidenschaft. Wurde für einen Werbespot gecastet, gewann – und wird seither von einer Kinder-Filmagentur vermittelt.

Drei Stufen nimmt Rafael zugleich, wenn er in seine Zimmer hochstürmt. Marco Reuss-Fußballerfrisur, braune Augen im schelmischen Jungengesicht. Ein Sportstyp, fetzt gern Bälle ins Tor, spielt Schach im SC Schwarz-Weiß Lichtenrade, liebt Tiere, vor allem sein ungewöhnliches Trio – den japanischen Spitz Sumi und zwei Katzen, die gut miteinander können. Die Pokémon-Kiste liegt inzwischen unter ferner liefen. Jetzt spielt er am PC „World of Warcraft“, lernt Elbisch, die Sprache aus Tolkiens Fantasy- Welt. Langeweile? „Kenn’ ich nicht“, sagt Raffi. Die Eltern sind im Management tätig. Wenn er aus der 7. Klasse des Gymnasiums in Lichterfelde heimkommt, müssen er und Marie, die16-jährigen Schwester, auch mal allein klarkommen.

Seelenverwandt: Eigentlich soll Ricky ja die Vorlieben des Mädchens Alex für seinen älteren Bruder ausspionieren, weil der auf sie scharf ist. Stattdessen aber verliebt sich der Kleine in Alex, gespielt von Merle Juschka.
Seelenverwandt: Eigentlich soll Ricky ja die Vorlieben des Mädchens Alex für seinen älteren Bruder ausspionieren, weil der auf sie...Foto: promo

„Der Ricky, das bin irgendwie ich.“

Für den Berliner Regisseur Kai S. Pieck, Drehbuchautor Hannes Klug und Produzent Jost Hering war vor zwei Jahren beim Casting für ihr Ricky-Projekt rasch klar: „Raffi macht’s.“ Für 26 Drehtage in den Sommerferien 2012 engagierten sie den damals Zehnjährigen. Was für eine Nachricht, als der Anruf kam. Spannung, Lampenfieber, die erste Hauptrolle. Rafael las das Drehbuch, fand die Geschichte „klasse“, obwohl sie nichts mit Fantasy zu tun hat. Und spürte: „Der Ricky, das bin irgendwie ich.“ Deshalb sei ihm das Schauspielern leichtgefallen.

Die Geschichte ist sehr real, dreht sich um Freuden und Probleme des Größerwerdens, um Bruderrivalität, Familienkonflikte, Existenzsorgen, um das Glück von Nähe und erster Liebe. Der zehnjährige Ricky lebt in einem Dorf in Thüringen. Die Tischlerei der Eltern steht vor der Pleite. Sein 15-jähriger Bruder Micha düst mit Kumpels auf dem Moped herum, Ricky hört von ihnen nichts anderes als: „Verpiss dich!“ So zieht sich der aufgeweckte Junge in seine eigene Welt zurück – mit Baumhaus und heimlichem Kung-Fu-Training. Aber dann zieht die 13-jährige Alex ins Dorf und bringt die Jungs durcheinander. Micha will sich an sie ranmachen, beauftragt den kleinen Bruder, ihre Vorlieben auszuspionieren. Doch als sich Ricky dabei in Alex verliebt und auch sie eine Seelenverwandtschaft verspürt, werden die Dinge kompliziert. Jetzt muss Ricky zeigen, was für ein Kämpfer wirklich in ihm steckt.

Am Set mussten sie oft mit miesem Wetter klarkommen, obwohl das Drehbuch Hochsommer vorsah. „Richtig kalt war’s“, erinnert sich Raffi. Zum Beispiel, als er mit Alex im T-Shirt am Feldrain liegt und ihr eine Kornblume schenkt. Da kommen sich die beiden näher – aber die Wärmedecke, die am Boden für sie ausgebreitet war, die sieht man nicht. „Verliebt zu gucken, das war erst mal ein bisschen schwierig“, sagt Regisseur Pieck. Raffi nickt. Seine Lieblingsszene ist sowieso eine andere. Da zwingen ihn die Dorf-Halbstarken vom Rad zu steigen. Sie wollen ihn in einen Tümpel werfen. Ricky bleibt erst mal cool, als könnte er sie mit ein paar Kung-Fu-Schlägen aufs Kreuz legen. Dann rennt er los, saust per Rad fort. Den Fahrradhelm in die Stirn gezogen. „101%“ steht vorn drauf.

Eine anrührende Geschichte - fernab vom Action-Mainstream

Dennoch verläuft Rickys Geschichte fernab vom Action-Mainstream. Schon das Drehbuch habe ihn „stark berührt“, sagt Kai S. Pieck. Es sollte ein Film für Kinder und Jugendliche „auf Augenhöhe“ werden. „Der ihnen etwas zutraut, mit ehrlichen Gefühlen, mit Witz, Humor und Kummer.“ Schöne Bilder gehören dazu, choreografierte Szenen, Einstellungen, bei denen sich die Kamera Zeit lässt. Als Ricky und sein Freund Simon einen toten Vogel finden, legen sie den Sperling in die Gondel eines selbstgebauten Heißluftballons, lassen das leuchtende Gefährt in den Nachthimmel entschweben.

Kritiker prophezeiten Kai S. Pieck, das junge Publikum werde sich langweilen. „Stimmt nicht“, sagt Rafael. Bei der Premiere im Weißenseer Kino Toni hätten die meisten gebannt zugeschaut. „Die gingen richtig mit.“ Anfang Februar flog Raffi zum „Children’s Film Festival“ in Seattle, wo auch Ricky Story gezeigt wurde. Mit vollem Erfolg: Der Film bekam den Preis "for Excellence in Story and Character Development". Als Rafael Kaul dort gefragt wurde, wann er sich als Ricky so richtig glücklich gefühlt habe, erzählte er von der Schlusszene. Der große Bruder nimmt ihn auf dem Moped-Sozius mit. Er schlingt die Arme von hinten um Micha.

„Ricky – normal war gestern“ läuft ab 6. Februar bundesweit in Kinos.

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