Riesenbaustelle in der Friedrichstraße : Den Rahmen gesprengt
28.12.2012 15:17 UhrSie stolpern und hetzen, sie laufen und rempeln. Nur Maik Lindström steht ruhig da, an seinem Arbeitsplatz in der Friedrichstraße. Direkt im Strom aus Aktentaschenträgern, Rollkofferziehern, Einkaufstaschenschleppern und Kinderwagenschiebern hat der Verkäufer von Obdachlosenzeitungen seinen blauen Campingstuhl aufgeklappt. Wer nicht aufpasst, tritt ihm auf die Füße. Das kommt nicht selten vor, denn nur wenige schlendern hier an Berlins einstiger Prachtstraße, die seit einem halben Jahr eine Großbaustelle ist.
Presslufthämmer dröhnen, Autos brummen, Busse hupen, Pendler pendeln.
Baumaschinen wühlen sich durchs Erdreich. Es quietscht und knirscht, es stinkt – und alles für eine U-Bahn. Ein älterer Herr mit braunem Hut brüllt am Rande des Baulochs seine ebenfalls betagte Begleitung an: „Siehste, hier haben se allet uffjerissen.“ Gemeinsam blicken sie auf die aufgerissene Stadt, auf die Operation am offenen Herzen. Nur ein Bauzaun trennt sie von der gewaltigen OP. Statt Blut spritzen Erde und Beton.
Den Alexanderplatz auf der einen und den Hauptbahnhof auf der anderen Seite soll die neue U 5 in sieben Jahren verbinden. Am Berliner Rathaus, der Museumsinsel und Unter den Linden soll die Bahn in Zukunft halten. Ein Stummelstück zwischen Brandenburger Tor und Hauptbahnhof ist seit drei Jahren in Betrieb. Für den noch fehlenden, 2,2 Kilometer langen Abschnitt sollen 433 Millionen Euro verbaut werden.
Großflächige Werbeplakate wollen die Baustelle zur Schaustelle machen. Entnervt hasten die Pendler an ihnen vorbei. Die U 6 ist wegen der Arbeiten unterbrochen. Weiter geht es nur zu Fuß, durch den dichten Strom an Menschen auf den etwa vier Meter breiten Gehwegen rechts und links des Baulochs in der Friedrichstraße. Die Menschen drängen vorbei an Unterschriftensammlern, Hütchenspielern und Zeitungsverkäufern. Radfahrer schlängeln sich durch die Massen. Väter und Söhne bleiben staunend vor den gewaltigen Maschinen stehen. Blicken gen Himmel und hinab zum matschigen Boden. Ein kleines Mädchen hält sich die Ohren zu, kneift mit den Augen. Hier wird etwas Großes gebaut.
Unter ihnen wird sich in 20 Metern Tiefe eine Tunnelbohrmaschine durch die Erde bohren, so verkündet es ein Plakat am Bauzaun. „An der Oberfläche merkt man davon nichts“, wird versprochen. Martina Motsch, dunkelblaues Poloshirt, kurze blonde Haare, kann da nur müde Lächeln. „Es ist hier oft so laut, dass man nicht mehr versteht, was die Kunden sagen“, erzählt die Verkäuferin des Ladens für Kunsthandwerk aus dem Erzgebirge. „Dann vibriert alles.“ Sogar die geschnitzten Räuchermännchen litten darunter. „Die Püppchen sind einfach aus dem Regal gesprungen.“





















