Berlin : Ring frei für die Chinesen

Am Majakowskiring lebten DDR-Prominente von Pieck bis Ulbricht. Egon Krenz ist noch da – jetzt bekommt er neue Nachbarn

Stefan Jacobs

Eingefallen zu Ruinen liegt der gescheiterte Gebrauchtwagenmarkt an der Zufahrt, die den Majakowskiring mit Pankow verbindet. Auf der Brache gegenüber türmt sich Müll, ein Schild warnt vor Straßenschäden. Früher war alles besser, könnte man sagen – die Altmieter im Majakowskiring würden das sicher gern bestätigen. Als es die Waldsiedlung Wandlitz noch nicht gab, lebten die mächtigsten Leute der DDR im „Städtchen“, das sich bis 1973 hinter Zaun und Schranke verbarg: Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht, Otto Grotewohl, Egon Krenz. Der wohnt allerdings erst seit der Wende hier, als es in Wandlitz ungemütlich wurde. Und nächtigen muss er seit seiner Verurteilung ohnehin im Gefängnis. Krenz ist, nachdem im Frühjahr auch noch Lotte Ulbricht starb, gewissermaßen übrig. Sein graubrauner Bungalow – übrigens das hässlichste Haus der ansonsten sehr idyllischen Gegend – eignet sich als Ausgangspunkt für eine Runde um den Majakowskiring. Der Spaziergang führt an den zumeist verlassenen Anwesen der einstigen Politpromis vorbei. Und an einer Baustelle, auf der es derart brummt, dass die umstehenden Straßenschilder in ihren Fassungen vibrieren.

China errichtet hier eine Handelsvertretung. Sie zieht in die denkmalgeschützte weiße Villa auf dem Grundstück, die der DDR-Führung als Wahllokal diente. Jetzt ist der prächtige Bau mit dem Säulenportal von Kränen und Baggern umzingelt, die nebenan ein Dreifamilienhaus für die Mitarbeiter plus Tiefgarage errichten. Im Herbst 2003 soll alles fertig sein. Nach Auskunft von Botschaftsmitarbeiter Zhang Changtai haben die Chinesen einen Teil des Grundstückes vom Bund gekauft, den Rest von Privatleuten. Die wiederum hatten kurz nach der Wende von der Oberfinanzdirektion (OFD) erworben, die viele Anwesen am Majakowskiring übernahm und zum Wohle der Bundesrepublik verkaufte. OFD-Sprecher Helmut John schwärmt von der Lage: Die Gegend sei so wertstabil wie sonst nur Dahlem. Die meisten ihrer Grundstücke am Majakowskiring habe seine Behörde inzwischen verkauft, für Lotte Ulbrichts Haus und Hof laufe zurzeit das Bieterverfahren. Am 13. Dezember fällt der Hammer; ein Mindestgebot gibt es nicht. Aber Interessenten fänden sich in dieser Gegend allemal.

Auch Andreas Herrmann ist bei der OFD fündig geworden: Er kaufte ein ehemaliges Regierungsgästehaus und eröffnete es im August als Majakowski-Restaurant. Auf der Karte steht beispielsweise französische Perlhuhnbrust für 14 Euro. Die Geschäfte laufen gut, sagt Herrmann: „Offenbar hat den Pankowern genau das gefehlt.“ Wie viel er für das Anwesen bezahlt hat, verrät er nicht. Aber gemessen an der Lage sei es „sehr günstig“ gewesen.

Die vier alten Männer in Lederjacken, die plaudernd vor Hausnummer 16 vorbeischlendern, sehen aus, als würden sie derbe Hausmannskost bevorzugen. Dem äußeren Anschein nach könnten sie von einem Besuch bei Egon Krenz kommen. Sie haben keinen Blick für das zartlila getünchte Haus, das eine Anwaltskanzlei und eine „WohnEigentumVerwertungsGesellschaft mbH“ beherbergt. Der XXL-Audi wartet in der Einfahrt. Typisch für den neuen Majakowskiring. In Nummer fünf ist eine kasachische Flagge gehisst, vor der frisch verputzten Nummer 33 erzählt nur ein Sambia-Buddy-Bär von den neuen Hausherrn, das Klingelschild fehlt. In Nr. 34, einst Anwesen des Dichters Johannes R. Becher, residiert eine Baufirma, in der 47 die polnische Akademie der Wissenschaften, in der 55 ein Steuerberater und in gleich mehreren Gebäuden die ebenfalls zur Oberfinanzdirektion gehörende „Forstinspektion Ost“. Was macht die eigentlich hier?

Ja, für eine Behörde sei der Majakowskiring schon eine außergewöhnlich feine Adresse, bestätigt OFD-Sprecher John. Aber man habe die Gebäude halt einmal gehabt. Und billiger würde es wohl auch nicht, wenn man die Forstinspektoren in die Zentrale holte. Die befindet sich nämlich in Charlottenburg, wo Westtarif gezahlt wird. Da haben sie es im Pankower „Städtchen“ nicht nur schöner, sondern vorläufig auch billiger.

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