Berlin : Ringelpietz am Leopoldplatz

Sieben Mittzwanziger organisieren das Erste Weddinger Dorffest

Lea Streisand

Steinerne Engelchen grinsen von der Decke herab, an den alten Wandkacheln kleben vielleicht noch unsichtbare Spuren von Schweineblut. Seit Mai dieses Jahres residiert Mastul e.V. in einer ehemaligen Weddinger Fleischerei in der Liebenwalder Straße. Der Verein hat sich neben der Vermittlung von Kunst und Kultur auch „die Erfahrbarmachung positiver und konstruktiver Lebenseinstellungen“ in die Satzung geschrieben. „Hier laufen Typen rum, die alles verloren haben“, sagt Mitbegründer Aaron Ghantus. „Bei uns können sie erleben, dass man aus nichts Häuser bauen kann.“

Die sieben jungen Wahlweddinger fantasieren nicht nur: Heute machen sie den Leopoldplatz zum Wohnzimmer – mit Sofa, Nierentisch, Stehlampe und mit einer Bühne. Auf dem Platz zwischen Schul- und Müllerstraße hat Mastul das „Erste Weddinger Dorffest“ organisiert. Der Name „Dorffest“ soll eine Anspielung darauf sein, dass jeder jeden kennt in der Gegend. Ab 14 Uhr lesen die Brauseboys Geschichten vor, die Pankower Percussiongruppe Rakatak schlägt die Trommeln und die Kleine Bühne Berlin erweckt überlebensgroße Stabfiguren zum Leben. Hört sich alles szenig an, doch Aaron Ghantus glaubt trotzdem nicht an ein neues Mitte in Wedding: „Der Bezirk ist zu stur, um hip zu werden.“ Die Alteingesessenen lassen sich nicht vertreiben.

Der Zufall hat die Jungs – allesamt Studenten und Azubis – vor fünf Jahren zusammengeführt. Sie gründeten eine Band, bezogen eine riesige (wie heruntergekommene) Altbauwohnung, die bald zum Geheimtipp in der Nordberliner Partywüste wurde und deren Ruf bis nach Mitte oder Friedrichshain drang. „Die Leute strömten, der Bedarf war da“, resümiert Aaron. Konzerte, Lesungen und Ausstellungen wurden in der umgebauten Küche veranstaltet, irgendwann verlagerte man die Aktionen nach außen. Die Band gibt’s inzwischen nicht mehr, aber dafür gründete sich vor drei Jahren Mastul-Verein, dessen Name sich heute nicht mehr zweifelsfrei klären lässt. Das beinahe legendär gewordene Stadtteilfest „Kurort Wedding“ verdankt dem Verein seine Bezeichnung, wie auch Wedding durch Mastul ein Schauplatz der „Fête de la Musique“ geworden ist. Letztes Jahr, zum 200. Todestag Friedrich Schillers organisierte Mastul „Schillern im Park“, eine Lesung aus Texten des Dichters im gleichnamigen Park.

Die Wohnung ist mittlerweile aufgegeben, die Band hat sich aufgelöst. Aaron grinst: „Wir sind ja jetzt offiziell vereint.“ Nun sitzt der türkische Kioskbesitzer neben dem fußballbegeisterten Bauarbeiter im Vereinshaus an der Bar, während aus dem Hinterzimmer eine Klanginstallation rauscht. Dieter, ein Bewohner des Hauses, schaut noch auf einen Absacker vorbei. Der 50-jährige Urweddinger mag die Zugezogenen, die seine Söhne sein könnten. „Es ist schön, dass die jungen Leute zu uns kommen.“

www.mastul.de

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