Berlin : Rinn in die Kartoffeln

Gemüse und Obst werden immer teurer, das zeigt die neueste Statistik. Günstiger ist der eigene Anbau. Wer zufälligerweise keinen Acker hat, kann sich mit anderen zusammenschließen – zum Beispiel in Gatow.

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Essen is’ gleich fertig. Christian Heymann und eine Erntehelferinnen schleppen das Gemüse vom Feld an der Havel.Foto: Christian Mang
Essen is’ gleich fertig. Christian Heymann und eine Erntehelferinnen schleppen das Gemüse vom Feld an der Havel.Foto: Christian...Foto: Christian Mang

Christian Heymann hat eine bestimmte Vorstellung davon, wie das Dasein als Bauer sein sollte: selbstbestimmt und nachhaltig. Und ein Bauer gehört raus aufs Feld. Ist ja klar.

Nur leider sieht die Realität ganz anders aus. „Heute verdient man in der Landwirtschaft das Geld nicht mehr auf dem Feld, sondern im Büro“, sagt Heymann. Da wollte er nicht mehr mitmachen. Nach mehr als 15 Jahren Berufserfahrung hat sich der Landwirt im Frühjahr selbständig gemacht. Von Gentechnik und Massenproduktion will er die Finger lassen. „Die Landwirtschaft ist nicht dazu da, Geld zu verdienen, sondern Leute zu versorgen“, sagt der 34-Jährige. Sein Projekt „Speisegut“, das er im Spandauer Ortsteil Gatow betreibt – auf den Flächen der ehemaligen Hofstelle Havelmaten – , baut deshalb auf dem Prinzip der solidarischen Landwirtschaft auf. Jeder kann Anteile erwerben und so zum Co-Bauer werden. Für 55 Euro im Monat bekommt der Teilnehmer seinen Anteil der Ernte jede Woche direkt nach Hause geliefert. In den Sommermonaten ist die Ausbeute besonders fett. In den Wintermonaten kommt die Lieferung nur alle drei Wochen. Dann gibt es mehr Konserven, kalt gepresste Öle und Wintergemüse. Die Menschen achten ja eh mehr auf die Qualität, zumal ja erst in dieser Woche das Statistische Bundesamt mitgeteilt hat, dass die Verbraucher wegen der schlechten Ernten deutlich mehr ausgeben müssen für Lebensmittel. Gemüse und Obst verteuerten sich um mehr als elf Prozent, Äpfel um 22 Prozent.

Es sei kein Abo-Korb, jene Trenderscheinung für gesundheitsbewusste Besserverdiener, betont Bauer Heymann. Die Ernte sei schon genug Arbeit, sagt er. Da wolle er sich nicht auch noch mit dem Packen von Körben aufhalten. Das Gemüse kommt direkt vom Feld, mit allem drum und dran: die Bohnen noch mit Bohnenkraut, die Rote Beete noch mit den Blättern. Die lassen sich nämlich gut zu einem Salat verarbeiten.

Bei Speisegut erfüllt alles einen Zweck – auch das Unkraut, das zwischen den Gemüsezeilen kniehoch emporschießt, und für das sich der Bauer „mittlerweile nicht mehr schämt“. Bienen umschwirren die Blüten. Neben den Nutzpflanzen aufgehäuft, schützt es den Boden vor der sengenden Sonne, spendet Schatten und Feuchtigkeit. Man müsse mit der Natur arbeiten, statt gegen sie, sagt der Bauer.

Es ist das erste Jahr für „Speisegut“. Das Prinzip muss sich bewähren, damit die 42 Teilnehmer auch nächstes Jahr noch dabei sind. Insgesamt 112 Anteile kann Heymann in der Startphase anbieten. Langfristig will der Bauer 240 Teilnehmer versorgen. Doch dafür braucht er ein paar Geräte zur Arbeitserleichterung. Über eine Crowdfunding-Kampagne sammelt er derzeit Geld für einen Schlepper und eine Beetfräse.

30 Kulturen und 70 Sorten baut Bauer Heymann auf den drei Hektar Stadtland an. Allein fünf verschiedene Sorten rote Beete hat er dieses Jahr gepflanzt, außerdem noch Schweizer Kütli, das sind weiße Möhren, runde Zucchini und Mandelkartoffeln, die als Delikatesse gelten. So viel Vielfalt ist für den Durchschnitts-Verbraucher ungewohnt. Eine Kreuzbergerin war mit ihren ersten Ernteanteilen gar ziemlich überfordert. „Ich hab das Zeug abfotografiert und Christian gefragt: Was ist das? Er antwortete: Wilde Rauke. Das musste ich dann erst mal googeln, was ich daraus machen kann.“ Heymann ist überzeugt: Die Leute wollen Abwechslung auf dem Speiseplan. „Sie wollen überrascht werden.“ Doch Geschmack und Vielfalt sind der Massenproduktion zum Opfer gefallen.

Bei „Speisegut“ wird nichts weg geworfen. Schließlich ist die Ernte das Ergebnis von mühevoller Handarbeit. Jeder Teilnehmer verpflichtet sich zu mindestens drei Tagen im Jahr, in denen er auf den Feldern aushilft. Für die meisten Städter bedeutet die Arbeit in der Natur Entschleunigung. Für den Bauern aber scheint die Zeit auf dem Feld nur so dahin zu fliegen. Es geht auf die Erntezeit zu.

Die Frau aus Kreuzberg hatte nach dem ersten Hilfseinsatz „den Muskelkater ihres Lebens“, gesteht die 32-Jährige, von der Arbeit an den Tomatenstauden. Doch das sei eine wichtige Lektion, die Lebensmittel bekommen einen anderen Wert.

Das Projekt im Netz unter

www.speisegut.com

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