Berlin : Risiko-Patienten

Seit vier Jahren lebt Klaus Peter Gomm, 64, Elektromeister, ohne Krankenversicherung. Die kann er nicht mehr bezahlen. Als er krank wurde, ging er zur Malteser Migranten Medizin. Hier wird auch immer mehr Deutschen geholfen

Ariane Bemmer

Als Klaus Peter Gomm sich beim Handwerken eine Rippe brach, ging er zum Hängeschrank im Badezimmer, nahm Verbandszeug und wickelte das fest um seine Brust. Er sagt: „Ein Arzt hätte doch auch nichts anderes gemacht.“

Als sich am Rücken eine schmerzende Beule bildete, nahm er entzündungshemmende Salben und cremte die Stelle ein. Das half aber nicht, es war was Ernstes.

Klaus Peter Gomm erinnerte sich, dass er im Fernsehen einen Bericht über Obdachlosen-Ärzte gesehen hat. Er dachte: Vielleicht können die mir ja helfen. Und rief bei der Ärztekammer an.

Durch die Küche der Spandauer Gartenlaube wehen schneeflockengleich Federn von Wellensittich Ruppert, der gerade vom Käfig zur Mehlwaage auf der Fensterbank geflogen ist. Im Vorgarten schwimmen Fische im kleinen Teich, über den eine rote Holzbrücke führt. Dies ist das Freizeitparadies des selbstständigen Elektromeisters Klaus Peter Gomm, 64 Jahre alt, ein schmaler Mann mit großer Brille und wettergegerbter Haut. Ein ganz normales Leben, ein bisschen kleinbürgerlich, und doch ist Gomm seit Juli 2002 so etwas wie ein Seiltänzer ohne Netz. Seitdem lebt er ohne Krankenversicherung.

188000 Menschen in Deutschland sind nicht krankenversichert. Die Zahl ist vom Mai 2003, da wurde das letzte Mal gezählt. Fast verdoppelt habe sich die Zahl der Nicht-Versicherten in den letzten zehn Jahren, heißt es im Statistischen Bundesamt, und bei den Selbstständigen sogar auf 32000 Betroffene verfünffacht. Den Eindruck bestätigt auch die Berliner Patientenbeauftragte Karin Stötzner. Das Versicherungsproblem nehme „ganz eindeutig“ zu, sagt sie. In Berlin liegt die offizielle Zahl der Nichtversicherten bei 15000, diese Zahl ist ebenfalls von 2003. Laut Stötzner sind aber mindestens 20000 Menschen betroffen.

Die offiziellen Zahlen der Statistiker erfassen nicht die illegal in Deutschland lebenden Menschen, die sich nicht versichern dürfen. Ihnen zu helfen, bedeutet auch, sich in eine rechtliche Grauzone zu begeben. Andere Nicht-Versicherte sind Selbstständige, deren Einkommen nicht ausreicht, Studierende, die mit über 30 Jahren aus der Pflichtversicherung fallen, die Beiträge für die Privatversicherung aber nicht zahlen können, oder Privatpatienten, die im Alter kein Geld mehr haben für die steigenden Beiträge, aber laut Gesundheitsreformgesetz aus dem Jahr 2000 nicht zurück dürfen in die öffentlichen Kassen. Für sie alle gilt: kein Klinikaufenthalt, kein Arztbesuch, kein Medikament, außer sie zahlen selbst – oder sie gehen zur Malteser Migranten Medizin.

Ein Flachbau in Wilmersdorf, erster Stock, Wartezimmer. Gelbe Wände, fliederfarbene Stühle, ein blaustichiger Plastikfarn, in der Ecke liegt Spielzeug. Durchs offene Fenster weht eine Brise. Drei kleine Mädchen spielen Fangen. Hier hatte die Ärztekammer Gomm hingeschickt. Als er im Februar im gelbfliedernen Wartezimmer aufgerufen wurde, war die entzündete Stelle am Rücken groß wie ein Ei, und Frau Doktor Franz sagte: „Oh, oh“, das weiß Gomm noch ganz genau.

Adelheid Franz, 45 Jahre alt und Mutter von vier Kindern, arbeitet seit vier Jahren bei der Malteser Migranten Medizin. Seit es sie gibt. Sie ist so energisch, wie man sich Ärzte wünscht, und lacht laut, wenn etwas komisch ist. Drei Tage die Woche ist Sprechstunde. Adelheid Franz berät Schwangere, verteilt Medikamente bei kleinen Beschwerden und hat für ernste Krankheiten ein Netzwerk von mehr als 100 Ärzten und Kliniken aufgebaut, die ohne Rechnung helfen.

2001 wurde in der Malteser Migranten Medizin 215 Menschen geholfen, 2004 waren es schon 1934 Patienten, die bisher erbrachten Leistungen haben den Gegenwert von rund 500000 Euro. Das wird durch Spenden finanziert, und die Patienten geben auch etwas. Keine Krankenversicherung sei ja nicht gleich kein Geld, sagt Adelheid Franz. Sie habe keine Lust auf Patienten, die einfach nur die Praxisgebühr sparen wollen. Deshalb zahlen die Patienten bei den Maltesern nach ihren Möglichkeiten. Im bücherstrotzenden Behandlungszimmer spricht die Ärztin so lange mit den Patienten, bis sie weiß, was ihnen fehlt. „Keine Fünf-Minuten-Medizin“, sagt sie. Fehldiagnosen wären verschwendetes Geld, vertaner freiwilliger Einsatz.

Bei Gomm war schnell klar, was ihm fehlte. Er kam ins Krankenhaus, die Entzündung wurde unter Vollnarkose entfernt, ein Chirurg aus dem Netzwerk übernahm die Folgebehandlung.

Inzwischen ist die Wunde verheilt, Gomm kann wieder kleinere Aufträge annehmen. Längst nicht nur Elektro, auch Malerarbeiten, kleine Tischlersachen, alles, was bezahlt wird. Seine beiden erwachsenen Töchter sagen ihm immer wieder: Papa, geh doch zum Sozialamt, er wäre dann auch wieder krankenversichert. Aber das will Gomm nicht, das lässt sein Stolz nicht zu. Er sei erst „erledigt“, wenn es gar nichts mehr zu tun gebe. Außerdem bekomme er ab Herbst Rente. Auf einem Drehstuhl liegt eine Broschüre zur Patientenverfügung. Gomm wird seine selbst formulieren. Er will keine lebensverlängernden Maßnahmen. Will, wenn es soweit ist, „möglichst schnell ableben“. Das habe nichts mit den Kosten zu tun, sagt er.

Im Wohnzimmer der Laube liegt Parkett. Gomm hat es Ende der 80er Jahre verlegt, damals ging es ihm noch gut, er sagt „fantastisch“. Seine Firma „Elektro Gomm“ hatte er 1983 gegründet, davor war er angestellt, Akkord hat er gearbeitet, auch gut verdient, aber es standen Entlassungen an und darauf wollte er nicht warten. Er machte seinen Meister, konnte schnell sechs Mitarbeiter einstellen, es gab Aufträge genug, es wurde pünktlich gezahlt. Dann ging einer seiner großen Auftraggeber Pleite, Gomm sagt, er habe plötzlich etwa 90000 Euro Schulden gehabt, und damit seien die Probleme losgegangen: Er entließ die Mitarbeiter. Er löste Wertpapierdepots auf. Er kündigte Versicherungen. Er verkaufte Werkzeuge. Er suchte im Supermarkt nach Lebensmitteln, die es billiger gab, weil ihr Verfallsdatum sich näherte. Die letzte Versicherung, die er kündigte, war die Krankenversicherung. 273,51 Euro, alle vier Wochen. Er sagt: „Davon habe ich zwei Monate gelebt.“

Einige seiner ehemaligen Mitarbeiter sind aus Polen. Er hat ein gutes Verhältnis zu ihnen, bis heute. Sie bringen ihm von Heimfahrten billige Medikamente mit. Wann er die nimmt, verordnet Gomm sich selbst. Ansonsten versucht er, nicht daran zu denken, was wäre wenn. „Da würde ich ja verrückt werden“, sagt er. Sein Leben der besonderen Situation anpassen will er nicht. Vitamintabletten oder so – Unsinn. Das würde ja bedeuten, sich dem Möglichen unterzuordnen. So ist er nicht. Nicht dran denken ist die Devise. Also steigt er weiter auf Leitern, „und wenn die nicht hoch genug sind, lege ich das Telefonbuch auf die oberste Sprosse“, sagt er. Das habe nichts damit zu tun, dass er jetzt erfahren hat, dass man auch ohne Netz nicht endlos fällt. Diese Erfahrung, die acht Wochen, die man ihn behandelt hat, ohne dass er eine Rechnung bekam, ist ihm viel wert. Er sagt, er werde sich nach einer ehrenamtlichen Arbeit umgucken. „Was ich an Fürsorge erfahren habe, möchte ich weitergeben.“

Wer der Malteser Migranten Medizin helfen will: Es gibt ein Spendenkonto: Pax Bank Berlin. Kto-Nr. 6 000 199 107, BLZ 100 601 98, Stichwort: MMM

Der Hilfsdienst für Menschen ohne Krankenversicherung ist in der Aachener Straße 12, Tel. 8272 2102. Die Berliner Patientenbeauftragte ist 10 bis 14 Uhr unter Tel. 9028 2010 zu erreichen.

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