Berlin : Riskante Touren

Rund 160 Millionen Tonnen Gefahrgut rollen jedes Jahr über deutsche Straßen. Oft werden sie von Wracks auf Rädern transportiert Eine Spezialabteilung der Berliner Polizei zieht marode Lastwagen und ihre häufig übermüdeten Fahrer aus dem Verkehr

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Am 7.Juli 1987 um kurz vor neun Uhr abends rast ein für vierzig Tonnen zugelassener Sattelzug eine steile, enge Straße im hessischen Herborn hinunter. Er fährt deutlich zu schnell, schrammt in einer engen Kurve ein Eckhaus, kippt um und rutscht mit voller Wucht seitlich in eine Eisdiele. Dabei reißt der Tank auf.

Der Lastwagen hat 34 Tonnen Benzin geladen. Nachschub für Tankstellen: 18 000 Liter Super, 10 000 Liter Normal und 6000 Liter Diesel. Ein paar tausend Liter laufen auf die Straße und durch Gullys in Kanäle und den Fluss Dill und entzünden sich Minuten später. Die Eisdiele explodiert komplett, andere Häuser fangen Feuer. Gullydeckel, Fassadenteile und Autos fliegen noch Hunderte Meter weiter durch die Luft, in der Kanalisation detonieren Verpuffungen, die Dill steht in Flammen. Über tausend Hilfskräfte sind Stunden und Tage im Einsatz. Am Ende sind sechs Menschen tot und mehr als vierzig schwer verletzt, darunter auch Retter, und Stadt, Land, Fluss verunreinigt. Der Schaden beträgt acht Millionen Euro. Fahrer und Fuhrunternehmer werden zu hohen Geldstrafen verurteilt.

Es war der verheerendste Unfall im Schwerverkehr auf deutschen Straßen. Er hat, auch europaweit, zur Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen geführt. Nicht alles, was Menschen Schaden zufügt oder sie umbringt, ist ein Verbrechen. Selbst wer immer wieder zu schnell, mit kaputten Bremsen, verrosteten Fahrzeugen oder chronisch übermüdet Reisebusse über Autobahnen und durch Städte lenkt, wird nicht von vornherein als kriminell verdächtigt. Das Verhalten ist erstmal „nur“ ordnungswidrig, unterliegt dem Ordnungswidrigkeiten Gesetz (OWiG) und wird mit Bußgeldern geahndet. Die allerdings liegen schon, wenn sich zum Beispiel eine von Russland aus operierende Busfirma wieder mal nicht an die genehmigten Fahrtrouten hält, bei weit über 5000 Euro.

Das OWiG ist wesentliche Arbeitsgrundlage einer Spezialabteilung des Zentralen Verkehrsdienstes der Berliner Polizei, des ZVkD 22. „Wir machen Schwerverkehrsüberwachung“, erklärt Wolfgang Mache zwischen den ersten Lkw, die an einem kühlen Aprilmorgen auf dem Parkplatz des Zollamts Dreilinden halten, „das heißt, wir kontrollieren sowohl den Transport von gefährlichen als auch anderen Gütern und die Personenbeförderung.“ Der Polizeihauptkommissar ist, von einer Zwischenstation bei der Einsatzbereitschaft abgesehen, seit April 1987 beim Verkehrsdienst. Es ist sein Ding. Er liebt „das vielfältige, relativ selbstständige Arbeiten“, und natürlich ist er auch „Technik und Autofreak“. Als Hauptsachbearbeiter für Sonderverkehr/Fahndung und Ermittlung beherrscht er auch die neun verschiedenen Gefahrklassen und die etwa 4500 verschiedenen gefährlichen Stoffe aus dem Effeff. „Bei fast zwanzig Jahren in dieser Materie kann man sich die eine oder andere Zahl schon mal merken“, winkt er lachend ab. „Und die Wesentlichen kennt man sowieso, weil sie immer wieder von uns kontrolliert werden.“

Zum Beispiel Tanklaster, bei denen auf der orangefarbenen Warntafel oben eine 3 steht. Sie gibt die Gefahrklasse an: brennbare flüssige Stoffe. „Heizöl, Diesel, Benzin und Kerosin für die Flughäfen“, sagt Mache. „Hier bei dem Fahrzeug haben wir eine 30 oben, und die Null bedeutet: keine weitere Gefahr. Das passt zur Zahl unten: 1202 steht für Heizöl.“ Wäre die obere Zahl die 33, wäre der Stoff im Tank leicht entzündlich, Benzin zum Beispiel. Über die Hälfte aller Gefahrguttransporte bundesweit und auch in Berlin fallen unter Gefahrklasse 3.

Am zweithäufigsten rollt Ätzendes über Berliner Straßen: Säuren und Laugen zum Beispiel. Auch wenn vieles auf dem Schienen- oder Wasserweg in die Stadt kommt, es wird hier in Tanklager gebracht und kleinteilig auf der Straße weiterverteilt. „Mit der Gefährlichkeit ist es sehr unterschiedlich“, sagt Mache. „Wenn Sie zum Beispiel bei diesem Heizöltank den Deckel aufschrauben und eine Zigarette reinwerfen, dann macht’s puff! Die geht aus, und nichts passiert. Aber da drüben zum Beispiel steht Stickstoff, ein tiefkalt verflüssigtes Gas. Das sieht aus wie Wasser, hat aber eine Temperatur von minus 196 Grad. Wenn Ihnen das über die Hand läuft, ist die weg. Die bricht einfach ab!“

An dem Stickstoff-Lkw macht sich gerade ein halbes Dutzend seiner Kollegen zu schaffen. Sie sprechen mit dem Fahrer, lassen sich Tachoscheiben und Papiere geben, gleichen die mit Warntafeln, Tüv-Plaketten und Kennzeichen ab. „Die genießen hier alle unsere Rundumkontrolle“, sagt Michael Berndt, „rund ums Fahrzeug wird alles kontrolliert, Bremsen, Lenkung, Ladung.“ Berndt ist Erster Polizeihauptkommissar und seit 2004 Sachgebietsleiter des ZVkD 22. Er hat 17 seiner 36 Dienstjahre beim Verkehr verbracht. Nach seiner Erfahrung sind manche Fahrer klammheimlich sogar froh über Kontrollen. „Viele Verstöße passieren bei den Lenk- und Ruhezeiten. Die werden einfach nicht eingehalten.“

Die Fahrer sitzen oft entschieden länger hinterm Steuer, als sie dürften, und machen weniger Pausen, als sie müssten. Im Transportgewerbe herrscht ein erbarmungsloser Wettbewerb. „Die kriegen dann von uns die nötige Ruhe verordnet, und viele machen die auch ganz gern.“ Und der Chef kann nichts dagegen haben.

Übermüdete Fahrer sind immer eine Gefahr, egal, was sie befördern. Erst Ende März wurden drei Busfahrer erwischt, die nonstop sechzig Stunden lang von der kasachischen Grenze bis nach Berlin durchgefahren waren, schnell ein paar neue Passagiere aufnehmen und noch zehn Stunden weiter bis nach Süddeutschland wollten. Zum Glück war nichts passiert. Keiner der Fahrer war am Steuer eingeschlafen. Der gefürchtete Sekundenschlaf nämlich ist laut einer Studie des Verkehrsclubs von Deutschland Ursache jedes dritten Unfalls. Und in Bayern hat ein Versicherer hinter jedem vierten tödlichen Unfall Sekundenschlaf ermittelt.

Man braucht seit Herborn keine Phantasie mehr, um sich auszumalen, welche Folgen es haben kann, wenn der Fahrer eines Tanklasters die Kontrolle verliert. Und man ahnt, was los ist, wenn sich flüssiger Stickstoff oder salzsaure Kupferchlorid-Lösung literweise in die Umgebung ergießen oder Kohlenwasserstoffgas entweicht und in Brand gerät. Zu den Gefahrgütern auf unseren Straßen gehören außerdem radioaktive, selbstentzündliche oder bei Vermischung mit Luft oder Wasser brisante oder einfach giftige Substanzen sowie Munition und andere Explosivstoffe. 158 Millionen Tonnen wurden im Jahr 2004 laut dem jüngsten „Lagebild Gefahrgut“ des Bundesverkehrsministeriums und des Bundesamts für Güterverkehr über deutsche Straßen transportiert. Rollende Bomben. Das potenzielle Inferno mitten im Alltag. Da kann Kontrolle nicht engmaschig und Kooperation nicht breitgefächert genug sein.

An diesem frostigen Aprilmorgen ist darum auch ein Vertreter des Sozialverbands VDK bei der Kontrolle in Dreilinden dabei. Er klärt die Fahrer über Schlafapnoe auf. Diese Schlafstörung ist häufig verantwortlich für plötzliche Kurzschlafphasen im Wachzustand, weshalb der VDK einen eigenen Fachverband dafür hat. Nach dessen Schätzungen könnten fast 60 000 der 1,4 Millionen deutschen Berufskraftfahrer darunter leiden. Wer beim Sekundenschlaf infolge von Schlafapnoe erwischt wird, kann seinen Führerschein loswerden. Selbst wenn er nicht mal wusste, dass er sie hat.

Die Kontrolldichte beim Schwerverkehr in Deutschland ist europaweit Spitze. In Berlin werden Gefahrguttransporte schon seit 1974 speziell überwacht. „Damals hatte sich ein einzelner Kollege Gedanken gemacht, in Bezug auf die Bernauer Straße“, erzählt Mache, während Berndt sich einen Lkw vornimmt, der zwar das orangefarbene Schild, aber keine Zahlen drauf hat. Mache meint die Bernauer Straße in Reinickendorf, nördlich des Flughafensees mit dem Vogelschutzreservat nebenan. Die Kerosinlager für den Flughafen Tegel liegen an der Strecke. „Dürfen die Tankwagen da überhaupt lang? Und zwei Kollegen haben dann bald mitgemacht.“ Nach Herborn wurde das Trüppchen aufgestockt auf 13, heute sind es 29 Mitarbeiter.

„Bei dem hier prüfen wir die Ladung besonders“, erklärt Berndt vor der hochgeschlagenen Plane des 40 Tonners mit dem zahlenlosen Warnschild. Er transportiert Stückgut, also verschiedene gefährliche und ungefährliche Stoffe. „Da gehen wir dann auch in die Tiefe des Raums, im wahrsten Sinne des Wortes“, witzelt er. Neben einem Kübel mit einem zwei Meter hohen Baum stehen Propangasflaschen, dahinter verschiedene Behälter. Die Beamten klettern hinein, ruckeln an Kisten, zerren an Bändern. Der Fahrer steht daneben, scherzt nach rechts und links. Der Umgangston ist entspannt, man kennt sich aus diversen Überprüfungen. „Okay, da kann nichts verrutschen.“ Jetzt noch die Sozialvorschriften kontrolliert, dann darf der Fahrer frühstücken gehen und seine Tour fortsetzen.

Die Zahl der Unfälle im Schwerverkehr ist bundesweit seit Jahren rückläufig, heißt es im „Lagebild“. Der technische Standard ist enorm verbessert worden, und die energischen Kontrollen sind auch ein nicht zu überschätzender Teil der Kriminalitätsbekämpfung, nämlich effektive Prävention. „Wir haben hier in unserem kleinen Spezialbereich allerdings Steigerungsraten“, sagt Berndt. Das liegt auch daran, dass seine Beamten die Entdeckungswahrscheinlichkeit nachhaltig erhöhen. Sie sind im Einsatz, wann immer sie nicht für Staatsbesuche gebraucht werden. „Insofern dient jede Kontrolle der Verkehrssicherheit.“ Zunehmend Sorgen machen den Spezialisten des ZVkD 22 schlecht oder gar nicht gesicherte Ladung. Wenn die in einer Kurve oder beim Bremsen ins Rutschen kommt und den Lkw mitreißt, hat in unmittelbarer Nähe kaum jemand eine Chance. „Da sitzt eine unheimliche Gewalt dahinter“, sagt Mache, „so ein Lkw schiebt auch gnadenlos Pkw zusammen, wenn er nicht mehr bremsen kann.“

Seit dem Fall der Mauer sind die Straßen durch und um Berlin zur Transitstrecke zwischen Ost und West geworden. Das heißt auch, dass sich auf ihnen immer mehr Fahrzeuge bewegen, deren Sicherheit von westeuropäischen Standards Lichtjahre entfernt sind. Ebenso die Fahrer und Unternehmer.

Immer wieder finden die Beamten neue Tüv-Plaketten und Werkstattrechnungen, die partout nicht zum Zustand des Schrottmobils mit den verrosteten Achsen und den ausgelatschten Bremsen passen. Das ist keine Ordnungswidrigkeit mehr, das ist Betrug. Auch manche Busse, mit denen Kinder in die Schule oder die Ferien gefahren werden, sind so marode, dass ein Berufsfahrer das eigentlich merken müsste. Ob so etwas auf kriminelle Energie schließen lässt, wird später ein Gericht klären. Die Spezialisten vom ZVkD 22 sind jedenfalls diejenigen, die auch solche Delikte als Erste entdecken. Sie arbeiten in einem Grenzbereich der Sicherheit, in dem vom kleinen Verstoß bis zum großen Verbrechen alles vorkommen kann. Weder Gefahrguttransporter noch Reisebusse sind garantiert unattraktiv für die Begehrlichkeiten von Terroristen.

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