Berlin : Risse im Schuhkarton

Das Olympiastadion steht ohne Kapelle da

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Das Buch zur Eröffnung des Olympiastadions war gestern seiner Zeit voraus. Auf Seite 38 ist Bernhard Felmberg auf einem Foto zu sehen, er wird der neue Pfarrer der Stadionkapelle sein. „Der Seelsorger“ wird Felmberg genannt, es ist ein schönes Kapitel. Leider gibt es das Buch erst ab Montag zu kaufen. Und eine Kapelle gibt es derzeit praktisch überhaupt nicht. Stadionpfarrer Felmberg sagte gestern dem Tagesspiegel: „Wir können wegen Baumängeln nicht einziehen.“

An dieser Stelle beginnt die Posse um den „Schuhkarton“ im Stadionkeller. So wird die kahle, fensterlose Kapelle von Bauarbeitern genannt. Eigentlich sollte sie anlässlich der großen Eröffnungsfeier am 31. Juli und 1. August im Olympiastadion eingeweiht werden. Die Katholische NachrichtenAgentur allerdings verbreitete gestern die Meldung, Risse im Fußboden der Kapelle hätten zur Absage der Eröffnung geführt. Das wiederum sorgt bei der Walter-Bau AG, die das Stadion gebaut hat, für Irritationen. Projektleiter Hans-Wolf Zopfy sagt: „Ja, es gibt kleine Risse, aber die sind wahrlich nicht der Grund, warum die Kapelle jetzt nicht eingeweiht wird. Die Einweihung hätte stattfinden können.“

Zu den Haarrissen im Beton soll es gekommen sein, als Arbeiter die Heizung zu weit aufdrehten, um die Wandfarbe zum Trocknen zu bringen. Solche Risse sind leicht zu kitten. Bis hierhin ist vieles klar, von nun an gibt es viele Versionen. Die erste lautet: Die Kapelle hätte eingeweiht werden können, nur ist Bischof Wolfgang Huber während der populären Eröffnungsfeier im Urlaub. Das sei halbrichtig, heißt es bei der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg. Ja, Huber sei im Urlaub, aber nein, das sei nicht der Grund der Verschiebung. Variante drei lautet: Der Kirche fehlt das Geld, um die Kapelle angemessen einzurichten. Von den anfangs von Felmberg kalkulierten 200000 Euro sind derzeit nicht einmal 20000 Euro zusammengekommen.

Alles läuft letztlich darauf hinaus, dass der Kirche ein klares Konzept fehlte. Insider aus dem Umfeld des Olympiastadions sagen, dass der bisherige Entwurf – goldene Platten als Wandgemälde und ein Altar aus Muschelkalk – nicht zum Stadion passen. Zudem sei nicht klar, wie die Kapelle hätte angemessen eröffnet werden können, während nebenan Nena und Pink ein Konzert geben.

Jedenfalls ist jetzt das Architektenbüro Gerkan, Marg und Partner (gmp) zuständig für einen Neuentwurf und ein Gesamtkonzept. Gmp war auch zuständig für die Architektur des Stadionumbaus. Die Kosten für Altar und Taufbecken werden von Walter-Bau übernommen. Den Rest sollen Spender aufbringen; sie sollen bei der Eröffnungsparty angesprochen werden. Abends wird den Zuschauern dann das neue Konzept präsentiert, im Herbst soll die Kapelle würdig eingeweiht werden. Diesmal ohne Chaos. AG

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