Berlin : Ritter-Rap im Gefängnishof

Das Häftlingstheater „Aufbruch“ probt jeden Tag für die neue Premiere in der JVA Tegel. Es geht um Freiheit, Moral und Gewalt

Thomas Loy

Die Truppe des Raubritters Götz besteht aus der normalen Tegeler Mischung. Ältere Männer, blass und dünn oder mit mächtigem Bauchvorsprung, jüngere Männer mit breitem Kreuz und muskelbepackt, Polen, Türken, Araber, Deutsche, Mörder, Sexualstraftäter, Räuber und Gauner. Für den choralen Sprechgesang, angefüllt mit schwergängigen Vokabeln aus der deutschen Verfassungsgeschichte, haben sie lange trainiert, über sechs Wochen jeden Nachmittag.

Der Rest war vergleichsweise einfach: Brust raus, Alpha-Pose, drohender Blick, einen Armschwinger knapp am Kopf des Gegners vorbei. Diese Rolle beherrschen viele von ihnen besser als ihnen lieb sein kann.

Das Gefangenentheater der Justizvollzugsanstalt Tegel bereitet seine nächste Premiere vor. Gespielt wird eine Adaption von Goethes „Götz von Berlichingen“. Aufführungsort ist ein Innenhof der JVA Tegel. Verhandelt werden die großen Themen Freiheit, Moral, Gewalt und Revolution. Götz, der „letzte Reichsritter“, sieht sich von Fürsten und Bischöfen an den Rand gedrängt, schließt sich mit den aufständischen Bauern zusammen, wird besiegt und gefangen genommen. Die Bezüge zum Ort, zu den Lebensgeschichten der Schauspieler, sind überdeutlich. Das gehört zum künstlerischen Ansatz der Theatergruppe „aufBruch“, die seit zehn Jahren in der JVA Tegel mit Häftlingen arbeitet.

Iwan und Matthias, die „Ausrufer“, erzählen dem Publikum zwischen den Spielszenen die großen Zusammenhänge. Iwan, ein Kraftpaket mit deutsch-russischen Wurzeln, pumpt großes Pathos durch seine Kehle, schleudert die Silben mit rollendem „R“ gegen die Zellenfenster des angrenzenden Blocks. Iwan ist von den deutschen Klassikern völlig beseelt, schreibt eigene Gedichte über Götz und seine Mannen, zieht Parallelen zum Machtkampf zwischen Bush und Putin und möchte, wenn er in gut zwei Jahren entlassen wird, unbedingt weitermachen mit dem Theaterspielen. Bevor er nach Tegel kam, vor sieben Jahren, habe er viel Wodka getrunken, Autos geklaut und Menschen verletzt. Dieses Kapitel sei abgeschlossen, sagt er.

Schauspielkollege Matthias, viel sanfter und weicher im Ausdruck, ist bereits seit den Anfängen des Knasttheaters dabei. Hauptsächlich wegen der kleinen Freiheiten, die das Proben mit sich bringt. Die 25-köpfige Theatertruppe ist jeden Nachmittag zusammen. Jeder darf eigene Texte und Ideen zum Stück beisteuern. Regisseur Peter Atanassow ist der allseits respektierte Chef im Rund, weil er seinen Schauspielern einen anderen Status ermöglicht, als nur Gefangener zu sein. Und weil er nicht die großen Gefängnisschlüssel mit sich herumträgt.

Die brutale Rangordnung im Gefängnis – oben die Panzerknacker, unten die Kinderschänder – ist während der Proben nicht zu spüren. Die Männer kommen aus verschiedenen Zellenblöcken, sehen sich außerhalb der Theaterproduktionen nur selten. Es wird sehr diszipliniert gearbeitet. Niemand fällt beim choralen Sprechgesang aus dem Rhythmus. Götz, dem im Gerangel ein Handgriff misslingt, fragt gleich: „Hab ich dir weh getan?“

Aufbruch hat über die Jahre ein Verfahren entwickelt, wie Theater im Knast funktionieren kann. Jeder Produktion gehen zeitraubende Castinggespräche voraus. An den Probentagen gibt es Sprech- und Lockerungsübungen. Viele Interessenten springen in den ersten Wochen wieder ab oder werden gegangen, weil sie nicht ins Team passen. Aggressive oder drogensüchtige Häftlinge erhalten von der Anstaltsleitung keine Freigabe. Waffenähnliche Requisiten sind tabu. Eine Ausnahme wurde nur im letzten Jahr bei den Nibelungen genehmigt. Ohne Schwertattrappe kann Jung Siegfried kein Held sein. Das verstand auch die Gefängnisleitung.

Das Ensemble besteht aus einem harten Kern von „Langstrafern“, die immer wieder mitmachen. Matthias weiß nicht, ob er seine Zelle in Tegel jemals wieder verlassen wird. „Ich habe noch SV hintendran“ – SV steht für Sicherheitsverwahrung. Er ist wegen eines Sexualdelikts hier.

Erste Durchlaufprobe. Bauernführer Georg Metzel, dunkle Hautfarbe, umwirbt die Ritter, bei seiner etwas maschinenhaft betonten „Re-vo-lu-tion“ mitzumachen. Die Reaktionen kommen nur zäh. Regisseur Peter muss immer wieder aufs Sprechtempo drücken. Ein Ritter verfällt auf der Rampe zur Burg plötzlich in einen polnischen Rapgesang. Das war sein persönlicher Wunsch, sagt Produktionsleiterin Sibylle Arndt.

Und so geht es im Stück auch um Multikulti-Themen, um Rassismus und Menschenwürde. Einige Passagen aus seinem Text, krude Ansichten über Sklaverei, wollte er nicht sprechen, sagt Georg Metzler alias Kiala P. aus dem Kongo. Nach zähem Ringen mit dem Regisseur wurden einige Sätze gestrichen. Ein Schauspieler ist eben frei, nein zu sagen, auch im Gefängnis.Thomas Loy

Premiere von „Räuber.Götz“ ist am 13. Juni, 18 Uhr, in der JVA Tegel. Letzter Einlass: 17.30 Uhr am Tor 2, Seidelstraße. Es folgen 5 weitere Vorstellungen. Karten müssen spätestens fünf Tage vor Aufführung an der Kasse der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gekauft werden, Tel. 24065777.

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