• Ritterschlag von Karajan Muhai Tang dirigiert beim diesjährigen Jugendorchester-Festival Young Euro Classic

Berlin : Ritterschlag von Karajan Muhai Tang dirigiert beim diesjährigen Jugendorchester-Festival Young Euro Classic

Sebastian Leber

Manchmal ist das Leben doch gerecht. Haushoch lag der junge Chinese Muhai Tang 1983 beim Berliner Karajan-Dirigentenwettbewerb in Führung, sah bereits wie der sichere Sieger aus. Am Tag der Entscheidung wiesen zwei Konkurrenten die Jury auf einen Formfehler hin: Muhai Tang hatte mit seinen 33 Jahren die Altershöchstgrenze des Wettbewerbs überschritten. Tang wurde disqualifiziert, doch Schirmherr Herbert von Karajan ließ sich nicht beirren und traute nur seinem Gehör: „Gebt dem talentierten Chinesen ein Orchester.“

Der Ritterschlag Herbert von Karajans habe ihm viele Türen geöffnet, sagt Muhai Tang heute. Erst ein Konzert mit den Berliner Philharmonikern, dann folgten Engagements in ganz Deutschland. Inzwischen ist Tang als Dirigent weltweit gefragt, hat den Taktstock bereits in Australien, Finnland und Portugal geschwungen und wird im nächsten Jahr das Züricher Kammerorchester übernehmen. Am 14. August dirigiert er im Berliner Konzerthaus ein Studentenorchester aus Shanghai – im Rahmen des diesjährigen Jugendorchester-Festivals „Young Euro Classic“. Klassische Musik boome derzeit in seiner chinesischen Heimat, sagt Tang, das sei zu seiner Zeit noch völlig anders gewesen.

Seine Jugend hat Tang in Shanghai verbracht, nur weil sein Vater ein berühmter Filmregisseur war, bekam er frühzeitig europäische Kunst und Kultur vermittelt. 1979 erhielt er die Möglichkeit, in München klassische Musik zu studieren. Josef Ratzinger als damaliger Erzbischof von München hatte ihm ein Stipendium gegeben. „Ein sehr sympathischer Zeitgenosse“, wie Tang meint.

Neben Ratzinger und von Karajan gab es noch eine dritte Person, die dem Chinesen auf seinem Weg nach oben geholfen hat: Renate Keil, Musiklehrerin aus Zehlendorf. Bei ihr wohnte Tang während des Dirigierwettbewerbs 1983. „Mein Gästezimmer ist knappe zwölf Quadratmeter groß, aber Herr Tang ist ein genügsamer Mensch“, sagt Renate Keil. Weil Tang danach in Berlin bleiben wollte und sich beide verstanden, wurde der Dirigent Dauergast in ihrem Reihenhaus. Aus drei Wochen wurden schließlich vier Jahre, viel Zeit also, um abends zusammenzusitzen und sich über die gemeinsame Leidenschaft Musik auszutauschen. Wie ist Beethovens Sechste aufgebaut? Was wollte Mozart mit seinem Gute-Nacht-Kanon ausdrücken? Und was ist mit Wagners Operntechnik? Wenn Tang im Wohnzimmer am Fenster stand und seine Dirigier-Bewegungen einübte, habe sie gewusst, dass aus ihm mal ein ganz Großer wird, sagt Keil. Nur für die Nachbarn habe das wohl „mächtig blöd ausgesehen“.

Heute treffen sich der Dirigent und die Musiklehrerin nur noch zweimal im Jahr, immer dann, wenn der Chinese einen Gastauftritt in einem der Berliner Orchester hat. Trotzdem stehe die Frau ihm sehr nahe, sagt Tang: „Renate hat mir unheimlich geholfen – wahrscheinlich noch mehr als der Papst und von Karajan.“

Young Euro Classic, 5. bis 22. August, Konzerthaus, jeweils 20 Uhr, Internet: www.young-euro-classic.de, Tickettelefon 53026060

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