Berlin : Robert Kuntze (Geb. 1934)

Seine Meinung: „Das Leben ist kein Freudenhaus!“

Lena Panzer-Selz

Ein Staatskerl von 7 Pfund“ telegrafierte Johannes Kuntze zur Geburt seines Sohnes Robert. Kurz danach verließ die Familie Berlin und zog oft um, immer dorthin, wo der Vater zu arbeiten hatte. Als er galizische Erdölfelder erschloss, wohnten sie in Krakau, wo es Robert sehr gefiel. Mit seinen Freunden unternahm er Spaziergänge auf der zugefrorenen Weichsel und war froh, dass die Eltern von den gefährlichen Abenteuern nichts mitbekamen.

Kurz vor Kriegsende musste der Vater an die Front. Die Mutter floh mit Robert zu Verwandten nach Sangerhausen. Dort, „bei den Graupenessern“, ging es ihm nicht mehr so gut. Die Freunde waren verloren, das Essen knapp. An seinen zehnten Geburtstag erinnerte er sich noch lange: Es gab eine Geburtstagstorte – und einen Bombenangriff. Die Fensterscheiben gingen zu Bruch, und die Torte war übersät mit Splittern.

Nach dem Krieg kehrten Mutter und Sohn nach Berlin zurück, der Vater war verschollen. Erst in den siebziger Jahren bestätigte das Rote Kreuz seinen Tod in einem russischen Kriegsgefangenenlager. In Kreuzberg eröffnete Roberts Mutter eine Vertriebsstelle für das Toilettenpulver „00“. Robert machte Abitur und stellte sich bei der Lufthansa vor. Er wollte Pilot werden, doch daraus wurde nichts, weil seine Augen zu schlecht waren.

Bei einem Badeausflug in Glienicke lernte er die 18-jährige Eva-Maria kennen. Als es zu regnen begann, nahm er sie unter seinen Bademantel. „Ich war sofort verliebt in ihn“, erinnert sie sich, „er war einfach ein schöner Mann.“ Aber auch ein zurückhaltender. Eva-Maria zog nach London, sie blieben in Kontakt, er besuchte sie. Inzwischen hatte er einen Posten im gehobenen Dienst der Landeszentralbank. Sieben Jahre später läuteten in der Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche die Hochzeitsglocken.

Robert arbeitete viel, war genau und zuverlässig und der Meinung: „Das Leben ist kein Freudenhaus!“ So brachte er es bis zum Bundesbankdirektor. Da hatte er selbstverständlich das Anrecht auf einen eigenen Parkplatz auf dem Gelände der Bank. Doch den brauchte er nicht, denn er fuhr U-Bahn. Jeden Morgen traf er sich mit zwei Kollegen aus der Direktion am Bahnhof Dahlem-Dorf.

Er reiste gern, aber nicht, um am Strand zu liegen. In Ägypten lebte die Familie tagelang in einem Zelt in der Wüste. Sein Kommentar: „Einfache Bedingungen für viel Geld.“ Wenn es etwas zu feiern gab, lud er die Familie und den großen Freundeskreis ein und überlegte sich etwas Besonderes, eine Führung durch die KPM, durch die Kunstsammlung im Bunker in der Reinhardstraße oder eine Reise nach Wien, wo alle im Hotel Sacher schliefen.

Er nahm sich vor, mit jedem seiner Enkel zu verreisen, wenn sie groß genug dafür waren. Mit dem Ältesten fuhr er nach Rom, mit den anderen nach Barcelona und Lissabon. Die Mädchen waren noch zu klein.

Nach seiner Pensionierung betrieb er Ahnenforschung und zeigte seiner Familie die Orte seiner Kindheit. Mit 66 konvertierte er zum Katholizismus. Mit seinem Sohn Simon, der evangelischer Pastor geworden war, führte er intensive Gespräche über Glaubensdinge, er begann ein Theologie-Studium an der Humboldt-Universität und lernte Alt-Griechisch. In der Gemeinde war er aktiv und er besuchte jeden Sonntag die Kirche im dunklen Anzug mit Krawatte, so wie er es aus dem Berufsleben gewöhnt war. Auch sonst legte er großen Wert auf angemessene Kleidung. Als seine Tochter ihn mit löchriger Jeans zu einem Konzert begleiten wollte, war ihm das nicht recht.

In letzter Zeit war er kurzatmig geworden und musste bei seinen Spaziergängen durch Dahlem immer öfter Pausen einlegen. Er entschied sich für eine Herzoperation. Sie verlief zunächst gut, aber nach wenigen Tagen kam es zu Komplikationen. Robert wachte nicht wieder auf. Zu Hause lagen schon die Prospekte aus dem Reisebüro. Diesmal sollte es in die Schweiz gehen. Auch die Spielpläne für Oper und Theater hatte er längst studiert und Karten für die kommenden Monate bestellt. Lena Panzer-Selz

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