Berlin : Rocksimulanten üben nicht

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Sadek spielt alles, was die Saiten seiner Luftgitarre hergeben. Dazu führt er einen wilden Tanz auf, schüttelt sein langes Haar und hüpft zum Refrain in die Luft. „Born to be wild“ plärrt es aus den Boxen. Mit eleganten Hüftschwüngen will Sadek das weibliche Publikum beeindrucken. Aber als er versucht, die Akkorde windmühlenartig wie einst der Who-Gitarrist Pete Townshend zu dreschen, rückt sein Publikum angstgebeutelt mit den Stühlen zurück. Die furiose Show erinnert eher an Luftkarate als an Luftgitarre.

Lange Zeit war Sadek in seiner Kategorie beim Luftgitarren- / Karaoke-Wettbewerb am Samstagabend in der Z-Bar fast konkurrenzlos. Bis die Gebrüder Schubert zu dritt auf die Bühne sprangen. „Surfin’ USA“ von den Beach Boys ist ihr Thema, das sie mit Strohhüten und Hawaiihemden bestens rüberbringen. Am Ende geht ihnen ein wenig die Luft aus, doch das Publikum johlt weiter. Sebastian, ein Luft-Gitarrero des Trios, gibt später zu: „Geübt haben wir vorher natürlich nicht.“ Für ihn sei das eher Spaß, kein Wettbewerb.

Wenn es auch einige Überwindung kostet, vor Publikum aufzutreten, gehört die Luftgitarre zu den am meisten gespielten Instrumenten. Sie kostet nichts, ist stets zur Hand und man muss keine Noten lesen können. Jeder, der Rockmusik mag, wird mindestens einmal in die imaginären Saiten gegriffen haben.

Ein Wettbewerb sollte die Luftgitarren- Show eigentlich werden, allein die Teilnehmer fehlen. Die meisten trauen sich nur zur Karaoke auf die Bühne. Ob zu „Ain’t no sunshine“ mit schmachtendem Blick und röhrender Stimme oder zu „Goldfinger“ mit schlecht gebundenem Schlips, viele wollen ihre Lieblingssongs nachsingen, besser: nachjaulen. Den Text müssen sie vom Blatt ablesen, die Musik kommt vom Band. Und je höher der Bierpegel, desto grausamer hören sich die Versionen an.

Dem Publikum im Kinosaal der Z-Bar war es letztlich auch egal, ob jemand den härtesten Rock-Akrobaten mimt oder leidenschaftlich ins Mikrofon singt. Stampfend, pfeifend und grölend honorierten die Gäste die besten Auftritte. Wer den Saal richtig rockte, bekam sogar Nebel auf die Bühne geblasen. Zu gewinnen gab es indes nur Plastik: Die Spielgitarre für den besten Luftmusiker und ein Plastikmikrofon für den Karaoke- Star.

Die Idee für die Veranstaltung kam zu später Stunde am Tresen der Z-Bar. „Zwei Leute sind einmal mit dem Barhocker umgefallen, während sie Luftgitarre spielten“, erzählt Anja, die den Abend organisiert hat. „Wir wollen die Leute animieren, einmal aus sich rauszugehen.“ Dieser „Trash mit Herz“ hat mittlerweile sein Publikum gefunden. Zur nächsten Show, vermutet Anja, würden noch mehr Leute ihre Luftgitarre auspacken.

Henning Kraudzuhn

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