Berlin : Rohheit

Werner van Bebber

über furchtbare Nachrichten aus Cottbus und Berlin Ein kleiner Junge liegt jahrelang tot in einer Kühltruhe. Irgendwann fällt jemandem beim Jugendamt auf, dass er nicht mehr da ist. Ein Jugendlicher, 14 Jahre alt, besucht Bekannte. Die fallen über ihn her. Nach zwei Tagen befreien ihn Polizisten. Rohheit hat es immer gegeben, aber manchmal wirkt sie derart grässlich, dass man denken muss: So schlimm war es noch nie. Schlimm ist, dass in einem hochgerüsteten Sozialstaat Jugendamtsmitarbeiter, Sozialamtsmitarbeiter, Erziehungshelfer nie genug tun können, um Leute vor der vollständigen Verrohung zu bewahren. Anders kann man es nicht nennen, wenn eine Familie mit der Leiche eines toten Jungen einfach weiter lebt. Und was sagt es über „betreutes Wohnen“, wenn ein Jugendlicher aus einer solchen Einrichtung ungebremst in die Säuferszene im Kiez driftet? Wieso „betreut“? Also noch mehr Fürsorge? Noch mehr Kontrolle über die, die ihr Leben nicht unter Kontrolle haben? Vor allem: sich nicht abfinden mit der Rohheit. Sonst merkt man bald gar nichts mehr – und auch nichts von dem, was in der Nachbarwohnung abläuft.

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