Berlin : Rolf Hochhuth: Reichlich Lotto-Geld für umstrittenes Theaterstück

Ulrich Zawatka-Gerlach

Niemand kann sich mehr genau daran erinnern, wann und warum der Lottobeirat für ein äußerst umstrittenes Theaterstück 300 000 Mark bewilligt hat. "Da gab es einen Beschluss vorab", sagte der SPD-Fraktionschef Klaus Wowereit gestern. Das Geld für Rolf Hochhuths "Hebamme" sei vor der Premiere am 12. August grundsätzlich, aber noch nicht förmlich zugesagt worden. "Zunächst war ja nicht klar, ob das Stück überhaupt auf die Bühne kommt." Der CDU-Abgeordnete Uwe Lehmann-Brauns, der auch dem Lottobeirat angehört, sprach vage von einem "Alt-Fall", ohne sich der näheren Umstände zu entsinnen.

Nur eines steht fest und wurde am Montag, nach der turnusmäßigen Beiratssitzung, offiziell mitgeteilt: Die Stiftung Deutsche Klassenlotterie hat mit öffentlichen Geldern eine Inszenierung subventioniert, die nur eineinhalb Wochen zu sehen war und von den Theaterkritikern schon während der Proben verrissen wurde. "Die Hebamme" war kein Publikumsrenner, sondern ein Flop. Der Autor und Regisseur, in den 60-er Jahren mit dem "Stellvertreter" berühmt geworden, hat trotzdem das vertraglich verbriefte Recht, im Haus des Berliner Ensembles (BE) am Schiffbauerdamm jeden Sommer ein Stück seiner Wahl aufzuführen. Hochhuth wählte die "Hebamme" und seine Ilse-Holzapfel-Stiftung, der Grundstück und Gebäude des BE gehören, stellte bei der Lottostiftung einen Antrag auf Mitfinanzierung.

Der Lottobeirat, dem die Fraktionschefs Landowsky und Wowereit, die Senatsmitglieder Diepgen, Werthebach, Böger und der CDU-Kulturexperte Lehmann-Brauns angehören, bewilligte den Antrag prompt: Gerade noch rechtzeitig im Juli per Umlaufverfahren. Denn eine ordentliche Beiratssitzung stand nicht an und die Lottostiftung darf keine Projekte fördern, die zeitlich zurückliegen. Auch der Senatskulturverwaltung, die zu Lottoanträgen im künstlerischen Bereich ein Votum abgeben muss, wurde dieses Verfahren erst jetzt bekannt. Immerhin konnte Lottostiftungs-Vorstand Falko von Falkenhayn gestern Auskunft geben: Die 300 000 Mark seien "im Umlauf" bewilligt worden.

Ein gängiges Verfahren, wenn es eilt. Offenbar wollte niemand über Sinn und Zweck dieser Zuwendung diskutieren, denn kein Beiratsmitglied widersprach dem Umlaufverfahren. Die Kulturverwaltung verriet gestern übrigens nicht, ob sie den Zuschuss zugunsten von Hochhuth befürwortet hatte. "Bei der Bewilligung von Lottomitteln sind alle Diskussionen und Voten vertraulich", nahm von Falkenhayn die Beteiligten in Schutz. Die Lottoförderung von Theaterstücken hat aber Seltenheitswert. In diesem Jahr wurde neben Hochhuths "Hebamme" nur die Produktion des Off-Theaters "STÜKKE" subventioniert. Ungewöhnlich ist auch, dass Don Giovanni und Macbeth (Deutsche Staatsoper), Die Lustige Witwe und der Freischütz (Komische Oper) sowie das Schlaue Füchslein, Luisa Miller und Coppelia (Deutsche Oper) mit insgesamt 5,5 Millionen Mark aus dem Lottotopf bedient wurden. Hierüber entschied der Lottobeirat im Sommer ebenfalls per Umlaufverfahren und die Bewilligungen wurde erst am 23. Oktober bekanntgegeben.

Zuwendungen für die Festspiele GmbH (11 Millionen Mark) und das Haus der Kulturen der Welt (3,3 Millionen Mark) eingerechnet, hat die Lottostiftung eine Lücke von 20 Millionen Mark im Etat des Kultursenators gestopft. "Ein Deal", geben Beiratsmitglieder zu. Regierungsintern vorher abgesprochen. Im Gesetz über die Deutsche Klassenlotterie Berlin heißt es: "Die Stiftung verfolgt gemeinnützige Zwecke." Der Lottobeirat hat indes einen weiten Ermessensspielraum um festzulegen, was gemeinnützig ist.

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