Berlin : Rolf Joseph (Geb. 1920)

Er überstand die Schläge der Gestapo, ohne sein Versteck preiszugeben

Karolin Steinke

Das Vergangene ist nicht vorbei. Deshalb traf er sich noch viele Jahre nach dem Krieg mit Leidensgenossen und Bruder Alfred, seiner „Keule“, jeden Mittwoch um elf am Nettelbeckplatz in Wedding. So wie damals, nachdem die Gestapo im Juni 1942 die Eltern aus der Weddinger Wohnung abgeholt hatte. Sie waren Juden.

Die Brüder mussten damit rechnen, ebenfalls verhaftet zu werden. Ohne Geld und Lebensmittelmarken schliefen sie in Wäldern und auf Bahnhöfen. Bekannte, die sie um Obdach baten, wiesen sie ab. Aber Rolf bekam die Adresse der Lumpensammlerin Marie Burde, die ihn in ihrer Kellerwohnung aufnahm. Eine sonderbare Frau war das, überzeugte Vegetarierin, die keine Bettfedern ertrug und überhaupt keine Möbel besaß. Rolf schlief zwischen allerlei Ungeziefer auf Zeitungsstapeln. Alfred war anderswo untergekommen. Und immer mittwochs um elf trafen sie sich auf dem Nettelbeckplatz. Bis Rolf in eine Kontrolle geriet. Bisher war er mit dem Ausweis eines verstorbenen Wehrmachtssoldaten durchgekommen; jetzt aber verriet er ihn, weil ein Mann mit demselben Namen als Deserteur gesucht wurde. Rolf überstand die Schläge der Gestapo, ohne sein Versteck preiszugeben. Nach sechs Wochen Bunkerhaft kam er auf einen Transport nach Auschwitz.

Während der Fahrt gelang es ihm, aus dem Waggon auszubrechen. Doch er wurde gefasst. Rolf simulierte Scharlach, das hielt die Gestapo-Männer auf Abstand. Sie brachten ihn ins Jüdische Krankenhaus. Nach zwei Wochen warnte ihn eine Krankenschwester, dass die Polizei gekommen sei, um ihn abzuholen. Er sprang aus dem zweiten Stock, schleppte sich mit angebrochenem Rückgrat zur Straßenbahn und fuhr zurück zu „Mieze“, seiner Retterin. Als deren Wohnung durch einen Bombentreffer unbewohnbar wurde, brachte sie Rolf, Alfred und einen Freund der Brüder auf ihrem verwilderten Grundstück in Schönow unter. „Der Boden muss sich ausruhen“, entschuldigte sie das hochstehende Gras. Die drei waren froh darüber, denn es bot eine gewisse Tarnung.

Nach dem Ende des Krieges bekam Rolf ein Jobangebot aus den USA, das er aber ausschlug. Er reparierte nun die Bänke der Synagoge in Rykestraße, Prenzlauer Berg. Auswandern kam überhaupt nicht infrage, er war und blieb Berliner. sein Fußballerherz hing an „Hertha“. Eigentlich hätte er sowieso Profikicker werden müssen, da war er sich sicher.

Dass ihm, der alles außer seinem Bruder verloren hatte, in der schweren Zeit nach dem Krieg niemand Unterstützung anbot, schmerzte ihn sehr. In den ersten zehn Jahren verkaufte er Dinge auf Wochenmärkten, dann fand er eine Anstellung bei der Deutschen Waggon- und Maschinenfabrik in Reinickendorf.

Seit Anfang der achtziger Jahre bis kurz vor seinem Tod sprach Rolf Joseph über seine Erinnerungen in Schulen: Wie der Weddinger Junge von seinem Lehrer in SA-Uniform Prügel bezog, weil er Jude war. Dass sein Vater, im Ersten Weltkrieg verwundet, mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet, sich für unantastbar hielt und sich als „eingefleischter Deutscher“ weigerte, seine Heimat zu verlassen. Dass er, Rolf, nur mit Mühe eine Tischlerlehre machen konnte, indem er seine Konfession verheimlichte. Wie er am 10. November 1938 mit dem Fahrrad durch die Straßen fuhr, vorbei an brennenden Synagogen und zertrümmerten jüdischen Geschäften: „Da war uns klar, wenn das geht, dann geht alles.“

60 Verwandte hatte Rolf verloren. Von seinen deportierten Eltern war noch eine einzige Postkarte aus Theresienstadt angekommen. „Ich kann immer noch nicht vergessen, dass ich mich rettete und meine Eltern fortgeschickt wurden“, so quälte es ihn zeitlebens.

In seinen Träumen holten ihn die Ängste aus der Kriegszeit immer wieder ein. „Lass mich nicht allein“, bat er seine zweite Frau Uschi. Oft zog er die Vorhänge zu, auf der Straße ermahnte er sie, leiser zu sprechen, wenn jemand hinter ihnen ging. Er musste immer unter Menschen sein, dann fühlte er sich sicher.

Einige Schüler vom evangelischen Gymnasium „Graues Kloster“ scharten sich als „Joseph-Gruppe“ über Jahre hinweg um ihn, beeindruckt von diesem Mann, der sich trotz seiner Lebensgeschichte ein so liebenswürdiges Wesen bewahrt hatte, offen für Neues, humorvoll und großmütig. Aus den vielen Treffen wurde ein Buch: „Ich muss weitermachen“, Rolfs Lebensmotto. Kennengelernt hatten die Schüler ihn bei einem Besuch mit ihrem Religionslehrer in der Charlottenburger Synagoge, Pestalozzistraße. Er war dort treues und ältestes Gemeindemitglied.

Dass er für seine Arbeit mit Schülern und für sein Engagement in interkulturellen Projekten das Bundesverdienstkreuz und einige Aufmerksamkeit erhielt, war Balsam für seine Seele. Nicht nur die muslimischen Neuköllner „Stadtteilmütter“, denen er seine geliebte Synagoge zeigte, vermissen ihn. Karolin Steinke

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