Berlin : Rolf Kohring (Geb. 1959)

„Wir sind hier, um mit Steinen zu arbeiten, wir wollen Hard-Rocker werden“

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Er saß mit anderen Studienanfängern in einem Stuhlkreis, hatte eine Zitrone in der Hand und wunderte sich. Der Fachbereich Paläontologie der Freien Universität hatte sich zum Semesterbeginn 1980 zur Begrüßung der Neuzugänge etwas Besonderes einfallen lassen. Nach einer kurzen Besichtigung des Dahlemer Instituts fanden sie sich zu einem Kennenlernspiel unter Anleitung eines Psychologen zusammen. Rolf sollte dem Studenten zu seiner Rechten die Frucht beschreiben. Sie starrten sich an, und Hartmut, der Kommilitone, machte einen ebenso fassungslosen Eindruck wie Rolf. Sie schwiegen, plötzlich biss einer beherzt in die Frucht, dann der andere. „Wir sind hier, um mit Steinen zu arbeiten, wir wollen Hard-Rocker werden“, rief Rolf im Gehen.

Zwischen den beiden Jungs mit den langen Haaren und der Vorliebe für Heavy- Metall-Musik hatte es gefunkt. „The chase is better than the catch“ – „Die Jagd ist besser als der Fang“ – war ein Titel ihrer Lieblingsband „Motörhead“. Rolf und Hartmut jagten nach Fossilien, Spaß und Mädchen. Nach der Uni trafen sie sich in Steglitz in einer leer stehenden Souterrainwohnung, die sie zur Schalldämmung mit Eierkartons tapeziert hatten, und versuchten mit Gitarre und Schlagzeug die härteste, schnellste und lauteste Musik zu machen.

Aber neben harter Musik und derben Scherzen gab es in dieser Freundschaft auch lange Spaziergänge durch den Grunewald mit Gesprächen über die Endlichkeit allen Lebens – im Studium hatten sie es täglich mit Millionen Jahre alten Lebensspuren zu tun. Und sie sprachen über Politik. Den West-Berlinern ging es nicht in den Kopf, warum sie, egal wohin sie sich wandten, immer nur nach Osten schauten.

Das „Steineklopfen“ wie Rolf seine Forschungsarbeit nannte, führte ihn nach Italien, Frankreich und Afrika. Er war ein exzellenter Wissenschaftler, promovierte magna cum laude über in Kalk eingeschlossene Dinoflagellanzysten, uralte Einzeller. Der Rat seines Mentors, sich stärker auf Themen mit praktischem Nutzen zu konzentrieren, mit denen auch außerhalb der Universität etwas anzufangen wäre, leuchtete Rolf ein, aber seine Begeisterung fiel bald wieder auf einen eher brotlosen Aspekt: fossile Eierschalen, egal ob von Schlangen, Krokodilen oder Vögeln. Die Habilitation wurde sein Meisterstück.

Die Begegnung mit Karl Hirsch in den USA, einem emigrierten Spezialisten für fossile Eierschalen, führte ihm vor Augen, wie viele faszinierende Forscherpersönlichkeiten auch die deutsche Paläontologie durch die Nazis verloren hatte. Durch Zufall entdeckte er Texte der fast vergessenen Tilly Edinger, einer jüdischen Wissenschaftlerin und Begründerin der Paläoneurologie. Über sie schrieb er ein preisgekröntes Buch.

Eigentlich war Rolf in seinem Beruf angekommen. Er publizierte mit großem Fleiß, bekam Preise und Anerkennung durch die Kollegen. Aber eine feste Stelle bekam er nicht, Zeiten der Arbeitslosigkeit wechselten sich mit kleinen Stipendien ab. Er versuchte, im Berliner Naturkunde-Museum unterzukommen. Als auch das scheiterte, wirkte er zunehmend verbittert. Und trank immer mehr dagegen an.

Sein Freund Hartmut hatte längst der Paläontologie den Rücken gekehrt, eine Familie und eine Firma gegründet. Sie trafen sich noch gelegentlich, aber die meiste Zeit verbrachte Rolf in seinem kleinen Dienstzimmer am neuen Standort der Geologen in Lankwitz. Er nannte das die „Geo-Kaserne“. Zur „Langen Nacht der Wissenschaften“ blühte er auf und erklärte den Besuchern lebhaft und farbig sein Orchideenfach. Und entsprach so gar nicht dem Bild des vertrottelten Professors im weißen Kittel.

Im Juni war Rolf unterwegs zu seiner Mutter. Wie jede Woche wollte er zum Mittagessen vorbeischauen. Als er aus dem Bus stieg, wurde ihm schwindlig. Er sah sehr schlecht aus, und glaubte, es sei nur eine verschleppte Angina. Es war das Herz. Seine Schwester wollte mit ihm ins Krankenhaus fahren. Rolf antwortete: „Ich kann euch doch nicht solche Umstände machen“, und rief sich ein Taxi. Sebastian Rattunde

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