Roma-Familien in der Soldiner Straße : Fremde vor den Toren der Kirche

Seit einigen Jahren leben auf dem Parkplatz vor der Stephanus-Kirche mehrere Roma-Familien, sie schlafen in Autos. Unter Anwohnern ein Streitthema. Unsere Autorin, selbst Gemeindemitglied, fordert Verständnis im Umgang mit den Flüchtlingen.

Lena Reich
Nicht alle finden solch eine Unterkunft: Roma-Mutter mit ihrem Kind in einem Wohnprojekt in Neukölln
Nicht alle finden solch eine Unterkunft: Roma-Mutter mit ihrem Kind in einem Wohnprojekt in NeuköllnFoto: dpa

Das Leben in der Öffentlichkeit ist einem ständigen Wandel unterworfen. Auch in unserer Gemeinde. Die Freifläche vor der Stephanus-Kirche, wo vor sieben Jahren noch Obst- und Gemüsestände standen, wo Stoffe und Kurzwaren ausgestellt wurden, hat sich mittlerweile zu einem Parkplatz entwickelt. Dort, wo sich einst die Anwohner begegneten und austauschten, ist heute ein Panorama der Armut zu finden. Seit einigen Jahren wohnen rund 30 Armutsflüchtlinge in den Autos an der Soldiner Straße. Sie kommen aus Bukarest, Sofia, Paris oder Mazedonien. Viele von ihnen suchen eine Wohnung und wollen Nachbarn werden.

So wie Alessandra. Im Sommer hat die 25jährige Frau ihr drittes Baby zur Welt gebracht. Im Virchow-Klinikum. Seit Ende März sucht sie mit ihrem Ehemann, den beiden ältesten Kindern, drei und sieben Jahre alt, und ihren Eltern eine Wohnung im Wedding. Ihr Ehemann schuftet oft nächtelang für ein Abrissunternehmen auf einer Berliner Baustelle. Sein Lohn von vier Euro liegt weit unter einer Aussicht auf die eigenen vier Wände. Die Notunterkünfte sind überfüllt. So schläft Alessandras Familie im Auto.

Auch die schwangere Maria gebar ihr Baby in einer fremden Umgebung. Gemeinsam mit Joseph hatten sie sich von Nazareth nach Bethlehem aufgemacht, um sich zählen zu lassen. Als die Wehen einsetzten, fanden sie aber keine Herberge, in der sie ihr Kind auf die Welt kommen lassen konnten. Es gab kein Mitleid. Keiner wollte sie in der hilflosen Situation unterstützen. In einem Stall gebar Maria ihr Kind. Neben ihr der Esel, auf dem sie hergekommen war.

Für die junge Maria muss es traumatisch gewesen sein, zu wissen, dass sie einen Verfolgten auf die Welt gebracht hat: Herodes sandte seine Schergen aus, alle neugeborenen Jungen im Land zu töten. Maria und Joseph flohen nach Ägypten, um das Leben ihres Sohnes zu retten. Auf vielen Gemälden erinnert Marias blaues Gewand an das Wissen der Mutter, dass das Kind sterben wird.

Mit zwei Jahren zog Alessandra in ein Auto um

Gelebte Integration. Roma-Straßenfest im Wedding.
Gelebte Integration. Roma-Straßenfest im Wedding.Foto: dpa

Wie sehr Verfolgung und Flucht die Identität formen, das weiß Alessandra. Sie ist Roma, bezeichnet sich aber selber als tigani, Zigeunerin. Die Diskussion um die Begrifflichkeiten kennt sie nicht. Nach dem Ende des Ceausescu-Regimes wurden Roma aus den Betrieben entlassen und auf die Straße gesetzt. Mit zwei Jahren zogen Alessandra und ihre Familie um – in ein Auto, mitten in Bukarest. Die Eltern hielten sich mit schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs über Wasser.

Heute, knapp 25 Jahre nach der rumänischen Revolution, sieht es nicht besser für sie aus. Für Alessandra und ihren Ehemann ist es schwerer denn je, Arbeit zu finden. Noch immer werden Roma in Rumänien als Menschen zweiter Klasse behandelt. Die Kinder haben nur geringen Zugang zum Bildungssystem, werden in Behindertenschulen oder aber in gesonderten Klassen unterrichtet. Diskriminierungen und körperliche Übergriffe sind keine Seltenheit. Häufig stecken Polizei und rechte Parteien unter einer Decke. Kinder verschwinden am helllichten Tag, ohne dass es die Behörden interessiert.

Aber auch im restlichen Europa wird massiv gegen Roma vorgegangen. In Bulgarien und Serbien sind sie aus dem Gesundheitssystem ausgeschlossen. Im Sommer stoppte die ungarische Regierung die Wasserzufuhr einer Roma-Siedlung. Illegale Zwangsräumungen, bei denen die Betroffenen eine Stunde vorher über den Abriss der mühselig aufgebauten Hütten informiert werden, gehören zur Tagesordnung auch in Italien und Frankreich. Sie werden Nomaden genannt, doch das sind sie schon längst nicht mehr.

Wer kann, sollte mit der S1 das „Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma“ am Simsonweg südlich des Reichstags aufsuchen und sich fragen, wie es möglich ist, dass vor aller Augen Menschenrechte immer noch in EU-Ländern missachtet werden dürfen. Auch vor unserer Haustür.

Beschimpfungen und "Deutschland"-Rufe

Seit dem Frühjahr wohnt Alessandra im Soldiner Kiez. Kaum jemand hat die Roma-Gruppe in ihrer offenkundigen Armut seitdem unterstützen wollen. Man begegnet auch Alessandra viel öfter mit Hass. Einige Wochen vor der Niederkunft war die Bank vor der Stephanus-Kirche ihr Bett, damit sich das Baby im Bauch besser ausstrecken konnte. Wer nur eine Stunde am Tag mit ihr auf dieser Bank verbracht hat, kennt die Beschimpfungen und „Deutschland“-Rufe, denen sie ausgesetzt war.

Wiederholt hätten Frauen sie angefaucht, sie gäbe ihrem Baby Schlafmittel, damit sie es beim Betteln benutzen könne, sagt Alessandra entsetzt. Sie hat wenig außer der Liebe zu ihren Kindern. Als sie vor der Geburt Autoscheiben putzte, wurde sie besonders häufig beschimpft und auch bespuckt. Eine „Kollegin“ sei auf offener Straße ins Gesicht geschlagen worden, „weil sie Rumänin ist“, sagt ihr Sohn, der dabei war. Warum setzt Alessandra sich täglich diesen Feindseligkeiten aus? Sie versucht, ihren Kindern ein besseres Leben zu bieten. Dafür hat sie ihre Heimat verlassen.

Wir wissen viel zu wenig über unsere Nachbarn und die Umstände, die sie nach Deutschland getrieben haben. Wir haben unsere Vorurteile. Das laute Sprechen einer alten Roma vor der Stephanus-Kirche wird als „asoziales Schimpfen“ gedeutet, aber sie ist schwerhörig – vielleicht, seit neben ihr ein Schuss abgefeuert wurde... Da gibt es den Müll vor der Kirche: Windeln, Essensreste  Hausmüll eben. Doch wer keinen Wohnsitz hat, dem stehen auch keine Mülltonnen zur Verfügung. Und wer keine „Hausordnung“ kennt, weiß nicht, wann Musik gehört werden darf und wann nicht.

Die deutsche Ordnung ist recht speziell. Oft ist die Mülltrennung Anlass für Nachbarschaftskonflikte. Den Kreislauf aus Vorurteilen zu durchbrechen, ist eine große Herausforderung für beide Seiten: Für die Roma, aber auch für die Anwohner. Im Herbst haben Alessandra und ihr Mann eine Wohnung im Kiez gefunden. Sie ist überglücklich über ihre eigenen vier Wände. Neben einem Sofa liegen Matratzen, eine Anwohnerin hat ihr ein Babybett geschenkt. „Es gibt keine Tapete und keinen Strom. Aber das ist nicht schlimm“, sagt sie und streicht dem Säugling über den Kopf. Ihre dunklen Augen funkeln vor Stolz. Den ersten Schritt haben sie geschafft.

Gerade an nasskalten Wintertagen, an denen man das Sofa im Wohnzimmer ganz selbstverständlich der Parkbank vorzieht, sollte man an die denken, die diese Wahl nicht haben. Um auch den Armutsflüchtlingen vor der Stephanus-Kirche mit dem kleinen Einmaleins der Gastfreundschaft begegnen: Mit einem Lächeln und mit Vertrauen.

--- Lena Reich ist freie Journalistin und lebt in der Soldiner Straße. Der Artikel erschien zuerst im Gemeindebrief November/Dezember 2013 der „Ev. Kirchengemeinde An der Panke“

Dieser Artikel erscheint auf dem Wedding Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegel.

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