Roma in Berlin : Unerwünschte Mieter

29.06.2012 15:11 Uhrvon
Die Erinnerung an den letzten Sommer: Nach ihrer Wohungskündigung lebten mehrere rumänische Familien mit Kindern mehr als einen Monat im Görlitzer Park. Foto: Sandra Dassler
Die Erinnerung an den letzten Sommer: Nach ihrer Wohungskündigung lebten mehrere rumänische Familien mit Kindern mehr als einen Monat im Görlitzer Park. - Foto: Sandra Dassler

Roma-Familien in Moabit müssen ihre Wohnungen verlassen. Doch Ersatz ist kaum zu finden, weil viele Vermieter keine Roma wollen. Das Bezirksamt Mitte will helfen, doch viele Möglichkeiten sind ausgeschöpft.

Mehrere Roma-Familien in Moabit sind ab dem Wochenende obdachlos. Am 30. Juni müssen sie ihre Wohnungen in der Turmstraße verlassen, weil die Besitzer das Haus sanieren wollen. Die Suche nach einer neuen Unterkunft gestaltet sich schwierig: Nachbarn und Verwaltungen wollen keine Roma im Haus und der Bezirk kann nach eigenen Angaben keinen Ersatz stellen. Schon mehrfach zogen Roma-Familien in Berliner Parks um, weil die Zuständigkeiten nicht geklärt waren. Auch diesmal könnte es so kommen.

Trotz intensiver Suche habe sie kaum neue Wohnungen gefunden, sagt Carolin Holtmann, Geschäftsführerin des Vereins Kulturen im Kiez, der mehrere Roma-Projekte gegründet hat.

Vor allem Mütter und Kinder werden von dem Verein betreut. Seit der Kündigung Anfang des Jahres herrschten in der Turmstraße Angst und Panik, sagt Holtmann. Sie und ihre Mitarbeiter suchen jetzt auf Immobilienseiten im Internet. Dabei machten sie oft die Erfahrung, dass Vermieter sagten: „Roma sind unerwünscht.“

Deshalb fielen Roma in die Hände von Geschäftemachern, die heruntergekommene Wohnungen zu überhöhten Preisen vermieten, heißt es beim Bezirk. Von „unkalkulierbaren Risiken“ sprechen dagegen Vermieter, etwa bei den Nebenkosten: Er wisse nicht einmal, wie viele Menschen in dem Haus wohnen, sagt Turmstraßen- Vermieter Lutz Thinius. Am Dienstag vor zwei Wochen ergab eine Zählung des Landeskriminalamtes, dass sich 104 Menschen im Haus aufhielten. Gemeldet sind nach Thinius’ Angaben nur etwa 40.

Kulturen im Kiez und der Bezirk Mitte haben vor allem fünf Familien im Blick. „Sie schicken ihre Kinder regelmäßig zur Carl-Bolle-Schule. Da ist der Wille, sich zu integrieren“, sagt Christian Hanke (SPD), Bezirksbürgermeister in Mitte. Er hat für sie einen Empfehlungsbrief „für potenzielle Vermieter“ verfasst. Kulturen im Kiez konnte bis jetzt für zwei Familien eine Wohnung finden. Die anderen hoffen. Keine Familie plane jedoch eine Notunterkunft im Park, sagt Holtmann, sie könnten bei Verwandten unterkommen.

Der letzte Umzug von Roma-Familien in den Görlitzer Park und die Empörung darüber sind allen Beteiligten noch gut im Gedächtnis: Im vergangenen Sommer waren drei Familien nach ihrer Kündigung in der Genthiner Straße in Tiergarten in den Park gezogen. 30 Menschen, darunter zwei Babys und viele Kinder, lebten mehr als einen Monat unter einem Vordach neben dem Café Edelweiß. In Wedding zogen immer wieder Familien auf den Leopoldplatz.

Die Möglichkeiten des Bezirks seien begrenzt, sagt Hanke: Er verfüge über keine Wohnungen, der Wohnungsmarkt in Moabit sei angespannt. Das „geschützte Marktsegment“ der Wohnungsbaugesellschaften, das Obdachlosen und ehemaligen Gefängnisinsassen Wohnungen verschafft, sei nur mit Anspruch auf Hartz IV zu haben. Den hätten aber nicht alle Roma-Familien. Obwohl es nicht Aufgabe des Bezirks sei, Wohnungen zu vermitteln, habe man noch einmal Wohnungsbaugesellschaften und private Vermieter angeschrieben.

Auch Vermieter Thinius bemüht sich um Nachfolgewohnungen. „Meist bekommt man bei den Hausverwaltungen zu hören: ,Die ruinieren uns die Wohnungen‘.“ Thinius kann das verstehen. Auf den Großteil seiner Mieter in der Turmstraße treffe das zu. Thinius ist Vorstand des umstrittenen „Humanitas Kinderhilfe Berlin-Brandenburg e.V.“, der auch Vermieter der Roma in der Genthiner war. Der Verein mietet Wohnungen und Häuser an und vergibt sie zur Untermiete mit Aufschlag an Roma-Familien. „Das wäre eine nützliche Sache, an der man nur bescheiden Geld verdient hätte“, sagt Thinius. Für diese Geschäftsidee wurde seinem Verein bereits die Gemeinnützigkeit abgesprochen. Heute will er nur noch heil aus der Sache herauskommen. „Ich habe Angst, dass die Mieter in mir den Schuldigen sehen und am 30. Juni mein Auto eintreten“, sagt er.

Als einige Familien im Winter 2010 ohne Dach über dem Kopf bei ihm aufgetaucht seien, habe er den Besitzern der weitgehend leer stehenden Immobilie in der Turmstraße vorgeschlagen, die Wohnungen bis zur Sanierung zu vermieten. Alle hätten bei der Vertragsunterzeichnung gewusst, dass es sich um ein befristetes Mietverhältnis handelt. Bereits im März sei der Auszugstermin bekannt gewesen. Gewinn will Thinius nicht gemacht haben. Bis zu 1000 Euro hätte er nach eigenen Angaben mit dem Objekt pro Monat verdienen können. Die Familien hätten die Miete aber nur zum Teil bezahlt. „Die Vermietung war einer der größten Fehler meines Geschäftslebens.“

Beim Bezirk Mitte möchte man Thinius’ Geschäfte nicht kommentieren. Der Bezirk arbeitet schon länger an der Vernetzung aller beteiligten Stellen in der „AG Roma“. Bezirksbürgermeister Hanke hofft, dass eine Lenkungsrunde aus Senat und Bezirken, in der Arbeitsgruppen unter anderem die Wohnsituation der geschätzt 6000 Roma in Berlin angehen, greifbare Fortschritte bringt. Das Land Berlin könnte verteilt über Moabit Wohnungen anmieten, schlägt Hanke vor. Weil auch die Finanzverwaltung in der Lenkungsrunde sitzt, könnte der Vorschlag geprüft werden. Dass bald wieder Familien in den Park ziehen, kann Hanke nicht ausschließen: „Ich sehe derzeit nicht viele Instrumente, um das zu verhindern.“

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