Berlin : Roman Watroba (Geb. 1957)

„Ich werde keine fünfzig. Also legen wir mal einen Zahn zu.“

Gregor Eisenhauer

Sie hörte ihn gern schnarchen. Dann wusste sie, dass er noch bei ihr war. Nach dem Herzinfarkt vor vier Jahren hatte er auf eine Operation verzichtet. Er wollte keine Ärzte an sein Herz lassen, auch wenn beiden klar war, dass sein Leben nun bald ein Ende haben könnte. „Ich werde keine fünfzig“, dessen war er sich sicher, „also legen wir mal einen Zahn zu.“

Von Hause aus hatte er nicht die besten Chancen gehabt. Seine Mutter war alleinerziehend, oft überfordert mit den Söhnen, dem einsamen Leben, den Partnerschaften.

Er wollte weg von den Übergangsvätern, selbstständig werden, verabschiedete seine Träume vom Studium der Medizin und lernte Tankwart. Kein Beruf fürs Leben. Er sattelte um, fuhr Lkw, meist Fracht für den Flughafen Schönefeld, ein Pendler zweier Welten, eine Zeit, die er genoss. Aber auch das nichts für immer und alle Tage.

Nach dem Mauerfall war Berlin eine Großbaustelle, also ging er zum Bau, diente sich zum Bauführer hoch, baute den Potsdamer Platz mit, räumte die alten Bänke aus dem Olympiastadion.

Aber auch das konnte nicht alles sein: Berufe waren für ihn die Trumpfkarten des Lebens, er zog immer eine neue aus dem Ärmel.

Als ein Schuster in seiner Nachbarschaft aufhörte, lernte er Schuster, denn er fand, das war ein feines Handwerk.

Nebenbei führte er einen kleinen Lebensmittelladen und half anderen, wann immer Not am Mann war.

So traf er Sophie, seine Müsli-Queen. Sie suchte einen Abstellraum für ihre Exklusivmischungen, er organisierte ihn.

Beim zweiten Wiedersehen, einige Jahre später, ließ er sie nicht mehr gehen. Sie wurden ein Paar, und seine Kräfte schienen sich zu verdoppeln.

Als in der Liegnitzer Straße ein alter Waschsalon mitsamt Mangel zum Verkauf stand, übernahmen sie den Salon, die Schusterei lief nebenher, und als der Nachbarladen frei wurde, richteten sie einen kleinen Trödelladen ein, „Gelegenheiten aus dem 21. Jahrhundert“.

Nebenher lief noch das Geschäft mit dem Müsli, daraus wurde das Projekt „Berliner Frühstück“, ein Café nebst Müsliverkauf, im Laden und im Internet. Dazu kam das erste Berliner „BioEis“, und, da im Winter Eis wenig verlangt wird, der erste Berliner „BioLebkuchen“, nebst Honigkuchen, Dinkelsternen, handgedrehten Marzipankartoffeln und Dominosteinen – 35 Sorten handgefertigtes Weihnachtsgebäck, hergestellt nach Rezepten, die Sophie in Trödelmarktkisten und Antiquariaten gefunden hatte.

Die Ertragskurve ging steil nach oben, nicht zuletzt dank Romans Internetwerbung: „Von der einsamen Flocke zu Müslikreationen im Coup-Berlin“, eine Müslispezialmischung, angerichtet in einem Berliner Weiße-Glas.

Mit 450 Kilogramm monatlicher Produktion hatte vor zwanzig Jahren für Sophie alles begonnen, und nun lagen sie bei 20 000: „Ein guter Umsatz macht uns froh, darum bestellen Sie Müsli angro!!!“

Als 101. Kunden begrüßten die beiden das Hotel Adlon. Der Erfolg war da – und alles für Romans Abgang gerichtet.

Das Baumschulen-Krematorium, in dem er an seinem fünfzigsten Geburtstag eingeäschert wird, besuchte er am Tag der offenen Tür mit Sophie.

Er sagte ihr, wie er sich seine Totenfeier wünscht und was auf seinem Stein, einem Sandstein, stehen soll: „Er tat, was er konnte.“

An seinem letzten Tag feierte er mit seinen Freunden im Garten, nickte ein, sie brachten ihn ins große Himmelbett. Sophie kam später am Abend zu ihm, horchte auf seinen Schlaf, auf die plötzliche Stille, wachte an seinem Totenbett und nahm in Ruhe Abschied. Das war beider Wunsch gewesen, und er hat ihn ihr erfüllt.

Roman hat an alles gedacht, selbst an die Schlussverse. „Ertragsprognose“: „Sterne treiben uns verwirrt entgegen und wir fallen endlich wie ein Regen, und es blüht, wo dieser Regen fiel.“ Gregor Eisenhauer

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