Berlin : Romeo und Julia aus Neukölln

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Erholen wollte sich die damals 34-Jährige, vier Wochen lang. Spaß mit ihrer Kusine haben, die die Ferien ebenfalls in dem Fischerdorf an der türkischen Ägäis verbrachte. Und Kraft tanken für den Job in der Beitreibungsabteilung, der „letzten Instanz für gekündigte Kredite“, der Deutschen Bank. Jeder Stress sollte einen großen Bogen um sie machen, und die Männer einen noch größeren. Mit denen war es nämlich früher oder später stets problematisch geworden. „Weil ich sogar für hier in Berlin aufgewachsene Landsleute einfach zu emanzipiert und selbstbewusst bin.“, vermutet die gebürtige Türkin. Die Erfahrung einer multikulturellen Beziehung habe sich dennoch nie ergeben. Eine andere blieb ihr indes nicht erspart - die, im Ägäis-Urlaub nur wegen des begehrten Visums für Deutschland umbuhlt zu werden. Beyzade, der gelernte Kfz-Mechaniker, sah sich folglich zunächst mit massivem Desinteresse konfrontiert, als er Ayfer ansprach. Dass sie den vier Jahre Jüngeren bereits insgeheim für attraktiv befunden hatte, reduzierte den Widerstand nur unwesentlich, da sie ihn andererseits in festen Händen wähnte.

Ein Irrtum, wie sich später herausstellte. Trotzdem wollte Ayfer noch nicht spontan ja zu ihm sagen, obwohl er, anders als die anderen, nicht daran dachte, in Deutschland leben zu wollen. Seine Eltern sprachen schnell von einer Verlobung. „Nicht mal darauf wollte ich mich einlassen, sondern nur einen schönen Urlaub mit ihm verbringen, ihn besser kennenlernen und zurück nach Hause fliegen, um zu gucken, was passiert.“ Zudem wollte sie ihrer Familie die Gelegenheit geben, den potenziellen Schwiegersohn zu begutachten. Noch heute begnügt sich Ayfer, die seit 1977 in Neukölln lebt und seit 1993 die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, nur mit Vermutungen, weshalb dann doch alles anders kam und sehr schnell ging. Weshalb der Gedanke, Beyzade zu heiraten, plötzlich so verlockend erschien.

Vielleicht war der Wunsch, doch noch Mutter zu werden, gerade mal wieder äußerst präsent. Was auch immer es war - es führte dazu, dass Ayfer mit einem Trauschein im Gepäck die Heimreise antrat, während ihr Mann in der Türkei blieb, um bei den Behörden wegen seines Visums vorzusprechen. Erst Monate später durfte für ihn das Abenteuer, in einem fremden Land zu leben, beginnen. „Natürlich“, gibt Ayfer zu, „hatte ich am Anfang Sorgen, ob unsere Ehe im Alltag klappt, und wie er von meiner Familie und den Freunden aufgenommen wird.“ Doch die Sorgen sind passé. Die Hochzeitsfeier am 27. Januar mit über 400 Gästen trug entscheidend zur Integration bei, und Beyzades Qualitäten als Hausmann machen das harmonische Miteinander perfekt, den Verzicht auf die Freiheiten des Lebens als Single-Frau leicht. „Ich habe das große Los gezogen“, schwärmt sie, inzwischen im fünften Monat schwanger.

Davon können sich derzeit auch die Besucher der Ausstellung „Romeo und Julia in Neukölln“ im Heimatmuseum überzeugen. Dort sind Porträts von Neuköllner Paaren zu sehen. Eines davon zeigt Ayfer und Beyzade. Gut möglich, dass man dort nicht nur den Fotos, sondern auch dem Paar begegnet. Die beiden haben schon viele Freunde durch die Ausstellung geführt und sind heute „stolz, zu Lebzeiten in einem Museum zu hängen.“ Maren Sauer

HOCHZEIT DER WOCHE

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