Berlin : Romo Feldbach (Geb. 1923)

„Durch Reden wird nichts besser in der Musik.“

Tatjana Wulfert

Der Kantor auf dem Weg zur Probe, gebückt; Brot, Butter, Belag und Getränke wiegen schwer in den Tüten, die er rechts und links trägt. Die Chormitglieder mögen das Gesellige.

Die Sänger stellen sich auf, hüsteln, räuspern sich, wechseln zwei, drei Worte noch. Der Kantor betritt den Saal. Die Sänger verstummen. Der Kantor hebt die Arme, schließt die Augen, sein Bariton und die Stimmen der Sänger erklingen: Befiehl du meine Wege / Und was mein Herze kränkt ...

Die Augenbrauen des Kantors, seine Wangen, die Lippen bewegen sich mit den Tönen, den Worten. Zu sehen ist das Lied auf seinem Gesicht. Mancher Sänger muss achtgeben, nicht mit dem Singen aufzuhören, so schön ist der Anblick des Kantors.

Nach der Chorprobe gibt es die Brote mit Butter und Belag, Bier; alle stehen beieinander, schwatzen. Der Kantor hält sich im Hintergrund, seine Augenbrauen, Wangen, Lippen unbewegt, das Gesellige ist seine Sache nicht. Ein stiller Beobachter dieser Szene käme im Traum nicht darauf, dass der wortkarge Romo Feldbach auch die lustigen Bufforollen in Opern und Operetten singt, den Hanswurst und Possenreißer gibt.

„Schön, gut“ ist einer seiner ausführlicheren Sätze. Gremien sind ihm zuwider. Trotzdem lässt er sich einmal in den Kirchengemeinderat wählen. Warum, weiß niemand. Nur, dass es ein Martyrium für ihn ist, das Sprechen. „Durch Reden wird nichts besser in der Musik“, sagt er.

Weil Romo seit frühester Jugend über ein feines Gehör verfügt, stationiert man ihn während des Krieges an der norwegisch-finnischen Grenze als Horchfunker. „Sieh zu, dass du da gesund rauskommst“, sagt sein Vater bereits Anfang der vierziger Jahre, „der Krieg ist sowieso verloren.“ Romo hat Glück, er muss nicht schießen. Er notiert verschlüsselte russische Funksprüche, hin und wieder eine brisante Nachricht, meist jedoch Hilferufe wie: „Brauche neuen Wodka!“. Das Russische ist ihm nicht fremd, seine Vorfahren waren Baltendeutsche, einer Familienlegende nach soll sein Großvater mit Lenin Schach gespielt haben.

Körperlich unversehrt kehrt Romo zurück. Studiert ab 1946 Kirchenmusik und Gesang an der Hochschule für Musik. Lernt dort Anneliese, seine Frau, kennen. Bekommt mit ihr zwei Söhne. Legt die A-Prüfung ab, die höchste als Kirchenmusiker. Spielt Orgel während der Gottesdienste, leitet Kinder-, Kirchen- und Posaunenchöre in der Martha-Kirche in Kreuzberg, in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, in der Auenkirche in Wilmersdorf, fährt zu Begräbnissen über die Friedhöfe. Singt viel für die Konzertdirektion Hohenfels, nicht nur Bach, auch Weltliches. Übt am Abend zu Hause Klavier und Gesang, Anneliese, selbst Musiklehrerin, schreibt die Programme, telefoniert für ihn.

Romo versteht sich auch als Handwerker. „Was anfällt, wird gespielt“, sagt er und ziert sich nicht wie andere, auf Wunsch der Hinterbliebenen ein sentimentales Stück zu spielen. Er ist, was man pflichtbewusst nennt. Verreist nur im Sommer. Schleppt sich auch mit 39 Grad Fieber zur Chorprobe. An einem 24. Dezember, da ist er schon pensioniert, bittet eine erschöpfte Kollegin ihn am Telefon: „Könnten sie mich am ersten Weihnachtsfeiertag vertreten? Ich hatte schon drei Christvespern.“ „Ich hatte manchmal fünf“, antwortet Romo unwirsch, „und bin nicht mal auf die Idee gekommen, mich vertreten zu lassen.“ Tatjana Wulfert

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