Berlin : Ronald Urbaschek (Geb. 1943)

Dann fand er diesen Brief aus Schweden: "Ich weiß, dass es Dich gibt"

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Bis heute weiß niemand, wer diesen Brief geschrieben hat. Er lag eines Tages im Postkasten, adressiert an seine Tochter, in Schweden. Jemand hatte Buchstaben aus einer Zeitung ausgeschnitten und zu einem einzigen Satz zusammengefügt: „Frag mal deine Eltern, wer dein richtiger Vater ist.“

Sie fragte ihre Eltern. Und die erzählten: Dein Vater, Vicky, ist ein Koch, er kam aus einem Allgäuer Dorf und ist mit 14 schon in die Welt gegangen. Er hat, ein paar Jahre später, ein Frachtschiff bestiegen, ist die norwegische Küste hinaufgefahren, hat für die Mannschaft das Essen zubereitet und ist mir, deiner Mutter, begegnet. Wir mochten uns sehr. Doch als ich das Schiff wieder verließ, war die Geschichte zu Ende.

Vicky war 20, kein Kind mehr. Sie schrieb einen Brief an den Mann in Deutschland, einen einzigen Satz: „Ich weiß, dass es Dich gibt.“

Ronald lebte inzwischen in Berlin, zusammen mit Eva, die von der fernen Tochter wusste. Er hatte den Schöneberger Ratskeller und die Küche des Restaurants der Kongresshalle geleitet. Hatte Jimmy Carter Käsecreme-Häppchen serviert und zur Eröffnung des ICCs das Buffet angerichtet. Er hatte auch am 21. Mai 1980 in der Küche der Kongresshalle gestanden, als es plötzlich merkwürdig pfiff und dann knallte, die Pfannen und Töpfe auf den Herden vibrierten, zitternd der Oberkellner hereinkam und rief: „Die Halle ist eingestürzt!“ Die Köche und Küchenjungen wollten hinausrennen. Aber Ronald rief: „Wir kochen weiter. Auch auf der Titanic hat die Band nicht aufgehört zu spielen.“

Selbstverständlich blieben sie nicht, liefen durch Qualm und Staub ins Freie, nur Ronald lief noch einmal zurück, vorbei an den Herden, auf denen noch das Fleisch briet und die Saucen köchelten, und drehte den Gashaupthahn zu.

Nach dem Einsturz blieb er eine Weile ohne Arbeit, wollte nicht in irgendeinem Restaurant kochen, wollte auch kein eigenes Lokal eröffnen, es hätte jede Minute seiner Zeit verschluckt. Die er anders verbringen wollte. Was hatte er bisher denn schon von der Welt gesehen? Für ein halbes Jahr machte er sich davon, immer gen Westen, zuerst nach Panama, dann in die USA und nach Indien, wo er länger blieb, bei einem Guru wohnte und sich ein bisschen mit dem Buddhismus beschäftigte.

Wieder in Berlin, begann er die Ausbildungsküche im Christlichen Jugenddorf zu leiten. Zusammen mit 30 „schwer vermittelbaren Jugendlichen“ komponierte er die delikatesten Gerichte und ersann Fantasienamen für sie. Die Mitarbeiter des Jugendsenats kamen vorbei, die Angestellten umliegender Firmen, bis zu 100 Leute täglich freuten sich schon am Morgen auf die Mittagspause.

Und dann fand Ronald diesen Brief aus Schweden. „Ich weiß, dass es Dich gibt.“ Er schrieb sofort zurück: „Wollen wir uns sehen?“

Vicky kam nach Berlin, für einen Nachmittag. Sie kam ein zweites Mal, für mehrere Tage. Und kam von jetzt an immer wieder. Ronald besuchte sie in Stockholm. Sie sprachen Schwedisch miteinander. Er zeigte ihr seinen Garten mit den 40 Obstbäumen, sein Fotolabor, die Aufnahme von ihm und Romy Schneider, bat sie, Bilder von ihr machen zu dürfen, spielte ihr Stücke auf der Sitar vor, legte Leonard Cohen und Neil Diamond auf, sagte, sie solle unbedingt Ransmayr lesen, „Der fliegende Berg“, ein großes, schönes Buch, aber Maarten ’t Hart könne sie unbesehen übergehen, zu eng die Atmosphäre, die er beschreibt, zu frömmelnd, zu nah an der seiner eigenen Kindheitstage. Er feierte die Mittsommernacht mit ihr, erzählte von den Vorlesungen, die er jetzt besuche, über Philosophie und die Gottesbeweise, ja, auch einer mit Hauptschulabschluss könne komplexeren Fragen folgen. Und er erzählte, dass Eva gestorben sei, an Krebs.

Er hatte jetzt Zeit, allein, als Rentner. Und kaufte sich ein Fahrrad. Die Touren wurden länger. Erst fuhr er nur in der Stadt, dann aus der Stadt heraus ins Brandenburgische, dann immer weiter. Vom Elsass auf dem Jakobsweg bis nach Santiago de Compostela. Von Berlin bis nach Rom. Durch die baltischen Staaten nach Finnland, über das Nordkap bis nach Stockholm und wieder zurück. Auf der Transamericana von Alaska bis nach Mexiko.

Doch dann, im Sommer 2012, begann das Ende seiner Reise. Er hatte Schmerzen im Bauch, wurde dünn und grau. Die Ärzte durchleuchteten ihn wieder und wieder, entnahmen Gewebeproben und fanden nichts. Bis sie ihn doch entdeckten, den Krebs mit dem sonderbaren Namen, Klatskintumor, den man auf Bildern nicht erkennen kann. Die Operation dauerte Stunden, die Chemotherapie Monate. Ein Freund kümmerte sich um ihn. Vicky kam und Ursel, seine Schwester. Es ging ihm besser. Er fuhr Fahrrad. Und kaufte sich zwei Monate vor seinem Tod einen Peugeot 3008. „Ich muss noch zu einer Bluttransfusion“, sagte er zu seinem Freund, „danach setzen wir uns ins Auto, schieben das Glasdach auf und fahren über die Landstraßen bis ins Allgäu.“

„Das machen wir“, sagte der Freund.

Die Transfusion ging schief.

Der Freund rief in Schweden an. Vier Stunden später betrat Vicky das Krankenhaus. Ronald griff nach der Hand seines Freundes. „Alle sind da, Vicky, Ursel, ich“, sagte der, „alles ist gut.“ Tatjana Wulfert

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