Berlin : Rony Verhulst (Geb. 1957)

Mittags ins Kino, Eintritt frei, im Saal darf geraucht werden

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Seine Hinterlassenschaft passte in eine Popcorntüte mit einem lachenden Männlein drauf. Etwas Klimpergeld und kleine Scheine, ein kümmerlicher Rest. Den hat er selbst nicht mehr versaufen können. Ein letzter Gruß von Rony, der den Trauernden ein paar Runden beschert.

Ungläubig sehen sie die alten Fotos aus den Achtzigern von ihm. Ein attraktiver blonder Freak, der an einem riesigen Filmprojektor hantiert. Er hat wenig mit dem vom Alkohol gezeichneten Typen gemein, den sie „Catweazle“ nannten, und der in der Kreuzberger Kneipenszene rund um den Heinrichplatz eine feste Größe war. Vor sich Bier und Schnaps, vertieft in dicke Bücher oder in Debatten über abseitige Filme. „Die Beschissenheit der Dinge“, eine belgische Tragikomödie aus dem Trinkermilieu, pries er mit leuchtenden Augen an.

Neben dem Alkohol waren die Literatur und das Kino seine Lebenswelt, alles andere, was ihm mal wichtig gewesen sein mochte, hatte er am Ende verloren, und es schien ihm egal. Mit dem Leben, das andere für normal und ausgefüllt halten, hatte er abgeschlossen, nachdem er seinen Job als Filmvorführer verloren hatte. Und die Fortsetzung seines Lebensfilms hatte nichts mit der Verliererpoesie der Werke Aki Kaurismäkis zu tun, die er so mochte. Vielmehr erinnert er an den selbstzerstörerischen Lebensweg seines Lieblingsautors Hans Fallada.

Mit einem Filmriss beginnt 1986 sein erster Arbeitstag als Vorführer im Programmkino „Broadway“. Gespielt wird „Themroc“, ein anarchistischer Kultfilm, in dem mehr gegrunzt und gegrölt als gesprochen wird. Die Kollegen vom Kinokollektiv eilen zu Hilfe, unter Publikumsapplaus wird der Film irgendwann fortgesetzt, Teile der Filmrolle hängen später als Erinnerung an Ronys Zimmerwand. Es ist die Blütezeit der alternativen Programmkinos, sie heißen „Off“, „Babylon“ oder „Yorck“. Rony lernt sie alle kennen, die Macken der altersschwachen Projektoren im Besonderen.

Freunde aus der Hausbesetzerszene hatten ihn ermutigt, einen Kurs zum Filmvorführer zu absolvieren, den er mit Bravour bestand. Vorher war sein Leben ohne klare Richtung verlaufen, vieles davon in Absetz- und Fluchtbewegungen. Die ereignisarme kleinbürgerliche Enge eines Brüsseler Vororts verlässt er nach dem Abitur Richtung Löwen, einer pulsierenden Universitätsstadt. Der Zivildienst in einer Bibliothek macht ihn zum Bücherverschlinger, die nächtlichen Zapferjobs in Kneipen verhindern den erfolgreichen Verlauf seines Mathematikstudiums. Ein Drogendelikt bringt ihn Anfang der achtziger Jahre in Konflikt mit der Justiz, er flieht nach West-Berlin und kann seine Heimat bis zur Verjährung zehn Jahre lang nicht mehr besuchen.

In der Hausbesetzerszene findet er schnell Anschluss. In Kreuzberg lernt er seine späteren Kollegen, die sogenannte „Film-Crew“, kennen. Sie leben in einer Wohngemeinschaft am Heinrichplatz im selben Haus, in dem auch Micki wohnt. Sie ist sieben Jahre älter als er, alleinerziehende Mutter, und sie ist beeindruckt von diesem witzigen kleinen Mann, der geduldig zuhört und dem Leben im Hier und Jetzt zugewandt ist. Die beiden werden ein Paar, das vieles teilt – Filme, Bücher, Reisen, Musik, Alltag mit und ohne Alkohol. Aber ohne Alkohol kommt der Alltag für beide immer seltener vor. Micki, die aus einer süddeutschen Schnapsbrennerfamilie stammt, unterdrückt ihre Irritationen. Noch ist Rony ein fröhliches Trinkerlein, das in seinem Job aufgeht, gut verdient und Schichten schiebt ohne Ende. Da sind ihm die Feierabendbiere gegönnt, sie trinkt mit, wenn auch Wein statt Bier. In der Kreuzberger Szene sind die Grenzen zwischen Spaß, Suff und Sucht ohnehin verschwommen. Eine geschlossene Gesellschaft im Schatten der Mauer, im Dorf trinken viele viel zu viel.

Nachtvorstellung, morgens eine Matinee, Filmfestspiele, Festivals, alles dreht sich ums Kino. Manchmal schläft er dort in seinem Kabuff. Wenn Micki ihn nachts besucht, stellen sie die Schuhe vor die Tür, um die Putzfrau nicht zu erschrecken. Bilder, Worte, Impressionen, Rony will alle an diesem magischen Geschehen, das sich endlos vor seinen Augen abspult, teilhaben lassen. Mit Freikarten, die er großzügig verteilt, ist es nicht getan. Er öffnet das Babylon-Kino in der Dresdener Straße zu ungewöhnlichen Zeiten, die Mundpropaganda lockt Hunderte um die Mittagszeit ins Kino, der Eintritt ist frei, im Saal darf geraucht werden. Bevor der offizielle Betrieb beginnt, wird noch schnell durchgelüftet. Rony zeigt Milos Formans „Feuerwehrball“, Detlev Bucks „Wir können auch anders“ oder die Kreuzberg-Nostalgie „Herr Lehmann“, er legt die Rollen ein, setzt sich ins Publikum, und hofft, dass seine Auswahl ankommt.

Die Zeiten ändern sich, zunächst im Positiven. Fasziniert von Osteuropa, unternimmt er mit Micki lange Reisen. In seinem Pritschenwagen mit Matratze durchkreuzt er unbekannte Gefilde, fotografiert abgewrackte Kinos, besucht Drehorte, spricht und trinkt mit den Menschen. Saugt auf, was später erzählt werden kann: Balkan Beats, Melancholie, harte Situationen. Abenteuerurlaube in Armutsländern, deren Bewohner dem tristen Alltag nur kurze Momente des Glücks abtrotzen, in ihrer grenzenlosen Gastfreundschaft und Lebensfreude aber jeden daran teilhaben lassen. Geteilt wird vor allem der Selbstgebrannte.

Besonders beeindruckt sind Rony und Micky vom „Lustigen Friedhof“ im nordrumänischen Kaff Sapanta. Blaue Holzkreuze, naiv gemalte Lebensszenen, witzige Sprüche: Ein Künstler hat jedem der Verstorbenen eine ironische Nachrede verpasst. Viele Bilder zeigen Kneipenmotive von denen, die mehr am Schnaps als am Leben hingen. Das gefällt Rony: „Du sollst nicht traurig sein, wenn ich mal tot bin.“ Micki schießen die Tränen in die Augen.

In Berlin werden Job und Leben schwieriger. DVDs und das Internet stürzen die Programmkinos in die Krise. Kostenminimierung, Personalabbau, Professionalisierung, Multitasking – auch Rony fürchtet um seine Existenz: „Wenn ich keine Filme mehr vorführen kann, habe ich keinen Platz mehr auf dieser Welt!“

Mit seiner Dauerfahne muss er sich nun auch dem Publikumsverkehr aussetzen, Karten abreißen, Getränke verkaufen, später putzen. Die Programmkinos werden zu einer Gruppe zusammengefasst, Ronys Nische wackelt. Dass er sich in Ungarn das verrottete Gebiss richten lässt, bringt da wenig. Sein Problem liegt offensichtlich woanders. Micki versucht ihm zu helfen, übernimmt seine ungeliebten Extraaufgaben. Aber es bringt nichts, er driftet ab, verliert den Führerschein, fährt trotzdem weiter, die kurzfristigen Einsatzpläne, mal in diesem Kino, mal in jenem, werden ihm zum Verhängnis.

Mit mehr als drei Promille taucht er im Kino auf. Abmahnungen, Entzug als Auflage. Micki will Vorbild sein und macht den Entzug – aber er hält es in der Klinik nicht einen Tag lang aus. Allein schon wegen des Tabaks, den er abgeben soll. Dann ist der Job weg, und es gibt kein Halten mehr. Der Traum von einem Wanderkino in Spanien bleibt Schnapsidee. Rony säuft sich zu Tode. Micki schläft nun auf dem unausgebauten Dachboden, sie kann das Elend nicht mehr sehen.

Rony stürzt die Treppe hinab und bricht sich die Wirbelsäule an. Mit Rollator schleppt er sich nun in die Kneipe. Wirkt wie weggetreten, allein beim Konzert der „Kapaikos“, eines Punkmandolinenorchesters, blitzt noch einmal etwas Lebensfreude auf. Wenn er mit Micki zusammen ist, vergräbt er sich stumm hinter Buchdeckeln. Sie schmeißt ihn raus, Freunde finden einen Platz in einem Männerwohnheim in der Nostizstraße. Schnell sprengt er auch hier die weit gesteckten Toleranzgrenzen.

Seine Freunde werden gebeten, ihm weder Alkohol noch Geld mitzubringen. Lesen tut er noch, die Bücher sehen aus, als hätte er die Buchstaben herausgewrungen, um ihre Bedeutung zu erfassen. Delirien, Epilepsie, multiples Organversagen. Im Sterbezimmer des katholischen Krankenhauses liegt er wie ein Kind, so zerbrechlich, gewindelt. Eine Bibel liegt da, mit ihr wird der überzeugte Anarchist wenig anfangen können. Micki tauscht sie gegen einen Krimi aus. Aber auch den wird er nicht mehr aufschlagen.

Nach der Einäscherung geht seine Urne auf Reisen. Nach vier Wochen ist sie immer noch nicht in Belgien angekommen. Keiner weiß, wo sie jetzt ist. Erik Steffen

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