Berlin : Room 77

Frank Jansen

Manchmal quält man sich ein wenig auf der Suche nach einer neuen Bar. Die Szene ist halbwegs gesättigt, außerdem erscheint in Zeiten dräuender Mehrwertsteuererhöhung und ähnlicher Nettigkeiten das unternehmerische Risiko hoch, den Berlinern weitere Qualitätsbars mit teuren Cocktails zu präsentieren. Aber es geht ja auch anders. Als der drinking man kürzlich mit einem compañero in Kreuzberg durch den Dieffenbach-/Graefekiez streifte, um nach einem mäßigen Tex-Mex-Essen den Lebenswillen mit besseren Drinks aufzurichten, blinkte da plötzlich dieses runde, blau-violette Barlogo. Room 77 nennt sich das Lokal mit den großen Fenstern. Die 77 ist ein netter Gag: Der schon länger durch das Berliner Barmilieu wehende Siebziger-Jahre-Hauch wird hier, so simpel wie pfiffig, mit der Hausnummer kombiniert.

Dass ’77 auch schlimme Dinge geschahen, zum Beispiel in Stammheim und Mogadischu, scheint in diesem Room keinen Niederschlag zu finden. Ist auch besser so. Die Cocktails der Roten Armee Fraktion waren immer eine Spur zu feurig.

Zu den typischen Utensilien von Siebziger-Retro-Bars gehören wild zusammengesuchte Möbel. Der Room hält da locker mit: Ausgewalkte Kunstledersofas reihen sich an Holzstühlchen, die auch schon in einer West-Berliner Kommunarden-WG angepupt worden sein könnten. Ein chinesisches Lämpchen ragt filigran ans Fenster, im Nebenraum mit der schönschrillen Tapete warten Flipper „Ali“ und ein Kicker. Der Tresen ist hübsch wuchtig mit Glasbausteinen gemauert, obendrauf prangen schwere Steinplatten. Das Personal trägt pagenartige Frisuren, jede Schläfe ziert eine lange Strähne. Vielleicht wachsen ja die Koteletten nicht so richtig. Ein Keeper ist auch üppig tätowiert, fast wie ein Yakuza. Room 77 ist optisch richtig opulent. Da muss der Rocksound natürlich heftig mitscheppern. So war es dann auch bei den Drinks. Der Mai Tai kam derart wuchtig und supersüß, dass selbst der Kuba-erfahrene compañero durchatmen musste. Üppig und gut erschien der Mojito, der Long Island Ice Tea entsprach, nur noch wenig überraschend, dem Kaliber des Mai Tai. Bis dahin ging es. Doch als der Planter’s Punch dann als dunkelbraune Rumbombe serviert wurde, vermutete der drinking man einen gezielten Anschlag. Ob sich am Tresen vielleicht doch noch einer aus der RAF austobt?

Room 77, Graefestraße 77, Kreuzberg, täglich geöffnet ab 17 Uhr

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