Berlin : "rosa Winkel": Freunde fürs Sterben

Thomas Loy

"Das Firmament blaut ewig ... Du aber, Mensch, wie lange lebst denn Du?" Kalle wird, wenn es soweit ist, auf der linken Seite liegen, neben Andy, mit dem er damals befreundet war. Das wird auf jeden Fall so kommen, denn Kalle hat es Andy so versprochen. Andy (1960 - 1995) starb als erster an Aids, dann folgte Christian (1956 - 1996). "Bei uns ist das Sterben angesagt", dachten die Freunde damals. Zweimal im Monat stand eine Beerdigung an. "Manche Leute traf man öfter auf dem Friedhof als im Café", sagt Bernd, Kalles Mitbewohner und Geschäftspartner. Bernd wird einmal in der Mitte liegen, genau unter der Engelsfigur mit Baldachin. Ob der Rhododendron dann noch Platz hat? Man wird sehen. Andy, Christian, Kalle, Bernd und Carsten, sind Freunde fürs Leben wie fürs Sterben und alles, was danach kommen sollte.

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Vor sechs Jahren, als Andreas immer schwächer wurde, entschieden sie sich, zusammen zu bleiben, über den Tod hinaus. Der Alte Matthäi-Kirchhof an der Schöneberger Großgörschenstraße war der nächste, also fragten sie den Verwalter Richard Mitschke nach einem Fünfer-Grab. Etwas Nettes und Bleibendes sollte es sein, kein Mausoleum, aber ein schöner Ort zum Erinnern. Er bot ihnen das Grab der Familie Honig an, eine steinerne Fassade mit Ornamenten und einem schmiedeeisernen Zaun als Rahmung, erbaut 1881. Das Grab war zuletzt 1914 belegt worden, verfiel und wurde Anfang der 90-er Jahre mit Lottogeldern restauriert. Die fünf Freunde wurden Grabpaten und spendeten den Gegenwert der Restaurierung, 27 000 Mark, für die Instandsetzung anderer Grabanlagen. Im Gegenzug durften sie neue Granitplatten anbringen, mit einem abgesetzten "rosa Winkel", und später ihre Namen eingravieren. Das Nutzungsrecht für die repräsentative Anlage erhielten sie zum Freundschaftspreis von 71 Mark pro Grabstätte und Jahr. Zudem bezahlen sie, anders als üblich, nur für die Grabstellen, die wirklich genutzt werden. Grabpatenschaft, so nennt sich der Versuch, Geld für die verfallenden Gräber alter Familien aufzutreiben, die ausgestorben sind oder deren Nachfahren sich nicht mehr um die Anlagen kümmern, weil sie in einem anderen Erdteil leben oder kein Interesse haben. Doch die Initiative, angeschoben von Friedhofsverwalter Mitschke, kommt nur sehr schleppend in Fahrt. Gerade mal zwölf Patenschaften gibt es bislang, alle auf dem Alten St. Matthäi.

Andere Friedhöfe würden gerne nachziehen, aber es mangelt an Paten. "Eine reine Geldfrage", heißt es auf dem Friedhof Alt-Glienicke. "Repräsentative Gräber haben wir jede Menge." Es fehlt ein prominentes Zugpferd, meint Mitschke. In Hamburg warb Heidi Kabel vor ein paar Jahren für Grabpatenschaften. 150 davon gebe es bereits, so Mitschke, in Köln sogar 400.

In Berlin bevorzugen die meisten Familien den sparsamen Tod per anonymer Urne. Mehr als die Hälfte aller Bestattungen werden inzwischen so abgewickelt. "Die Friedhöfe in Berlin sind nur noch zu 40 Prozent belegt", sagt Mitschke. "Das sind etwa 1400 Fußballfelder, die da freiliegen. Darum kümmert sich keiner." Auf dem Alten Matthäi sind von 13 600 Grabstellen mehr als 6000 zu haben, davon etwa 400 für potentielle Grabpaten. Mitschke hofft auf eine Trendwende und freut sich über jedes individuell gestaltete Grab. Unter den Toten sollte es wie unter den Lebenden zugehen: multikulturell.

In der schwulen Szene hat sich der Tod seit Aids tief ins kollektive Bewusstsein eingegraben. "Man kriegt nicht beigebracht, dass man mit 30 stirbt", sagt Bernd, der bald 40 wird. Wegen der besseren Medikamente verläuft die Krankheit heute nicht mehr zwangsläufig tödlich. Die Angst vor Aids ist geringer geworden, aber die Bilder vom Leid der vielen verstorbenen Freunde bleiben haften. Zu wissen, wo man mal zur letzten Ruhe kommen wird, macht gelassener, findet Bernd. Dabei muss nicht jeder seinen Abgang vom Diesseits so aufwendig vorbereiten wie Hans "Napoleon" Seyfarth, der im vergangenen Jahr an Aids starb. Er hatte sich seinen Sarg selbst ausgesucht und das künftige Grab in einer "Vernissage" mit Freunden eingeweiht.

Die "schwulen Gräber" auf dem Alten St. Matthäi sind origineller und oft fröhlicher als die "bürgerlichen". Windräder in Regenbogenfarben stecken in der Erde, künstliche Sonnnenblumen, ein Foto des Verstorbenen in Prosit-Haltung prangt an einem Stein, oder der Stein selbst ist eine abgebrochene Säule. Wenn er schon vorzeitig kommt, der Tod, dann soll er sich gefälligst schön anziehen und keine schlechte Laune verbreiten. Mit Kirche und Glauben hat die Sorge um das Grab, bei ihm zumindest, nichts zu tun, sagt Kalle. Es ist eher das intuitive Festhalten an überlieferten Bräuchen und ein Hang zu barocker Lebenslust, der die Endlichkeit der Welt immer gegenwärtig ist. Zudem findet er es einfach schlimm, wenn Menschen irgendwo unter der Erde verschwinden und kein Zeichen von ihnen übrig bleibt. Seinem Freund Harry, dessen Grabstelle viele Besucher als Abkürzung missbrauchten, spendierte Kalle zur klaren Markierung einen Marmorengel. Christian und Andy bekamen zu Weihnachten geschmückte Tannenbäume und eine Krippe auf ihre Gräber. Sowas mochten sie schon immer gern.

Im Sommer wird es wieder ein Blütenmeer geben. Die Zwiebeln stecken schon in der Erde. Andy und Bernd haben die Pflege der Gräber selbst übernommen. Gegenüber soll bald eine Sitzbank gebaut werden, damit man sich besser unterhalten kann oder in den Himmel schauen, wie er so schön blaut.

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