Berlin : Rosetta Froncillo (Geb. 1937)

Kein Mann sollte die Planungshoheit über ihr Leben haben

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Wie kannst du als Italienerin hier in Deutschland leben?“, fragten ihre Freundinnen oft, Mignons sehnsüchtiges Seufzen im Ohr: „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühen …“ Natürlich kannte sie es, viel zu gut kannte sie es. Ihre Lebensfrage war: „Wie kannst du als Italienerin in Italien leben?“ In den fünfziger Jahren, als jeder Spaziergang für ein Mädchen ein Spießrutenlauf war, als im Halbschatten der Hauseingänge, im Dunkel des Kinos stets Männer lauerten: „Ich war immer die Beute, die von einer Horde von Jägern verfolgt wurde, immer gezwungen, mich irgendwie zu bedecken, meinen Körper so wenig wie möglich zu zeigen und ihn so wenig wie möglich zu bewegen. Es brauchte keinen Anlass, und schon warst du die Provozierende. Es galt bereits als provozierend, dass ich überhaupt auf der Straße lief … Mit der Zeit versteifte sich meine Wirbelsäule völlig. Ich konnte keine 20 Schritte von zu Hause zur Schule und zurück gehen, ohne diese unverschämten Kommentare hinter meinem Rücken hören zu müssen, mit diesem Keuchen von dem, der hinter mir her war, was dann auch bald zu meinem eigenen Keuchen wurde, da ich abhauen musste.“

Und es ist egal, wo du lebst, ob auf dem Land oder in der Stadt, in den reichen oder den armen Vierteln, als Mädchen bist du Freiwild. Ihr Vater war streng, ein General, ihr Bruder ein Deserteur, die Schande der Familie, ihre Mutter war „Mamma“, bis der Vater aus dem Krieg zurückkam und wieder die erste Stelle einnahm. Das stürzte Rosetta in die Hölle. Sie trank eine Zwei-Liter-Flasche Benzin und überlebte. Als sie wieder zu sich kam, beschloss sie, in den Widerstand zu gehen. Basta! Sie wurde der Boss einer Jungenbande. Sie schlug zurück. Mit Fäusten, mit Worten. Glühende Zigarettenkippen kühlten Angreifer ab, Sicherheitsnadeln stachen zu wie Klappmesser. Wenn sich im Zug einer neben sie setzte und mit einem dümmlichen Kompliment die Balz eröffnete, herrschte sie ihn an: „Halt die Schnauze, du Schwachkopf!“ Aber der Mann blieb neben ihr sitzen „und sorgte dafür, dass ich dank der Mordfantasien, die er in mir provozierte, Herzrasen bekam und bleich wurde.“ Immer, immer wieder: „der Voyeur & geile Bock verwandelte wie immer zuverlässig meine Träume und Gefühle und meinen Hunger danach, mich auf mich selbst konzentrieren zu können, in ein Auf-ihn-achten-Müssen.“

Sie zog sich zurück, auf die kleine Terrasse des Elternhauses, ein winziges Observatorium für das Universum ihrer Wünsche und beschloss, in den „inneren Hades“ hinabzusteigen. Herausholen, was in ihr rumorte, die Sehnsüchte, die Träume, die Fragen: Warum so viel Hass in der Welt der Männer, Bruder gegen Bruder, Vater gegen Sohn, Mann gegen Mann. Und was tun die Mütter? „Einerseits bereitet die Mutter das Gefängnis für ihre Tochter vor, reproduziert quasi ihr eigenes Gefängnis. Andererseits sehnt sie sich danach, dass ihre Tochter aus diesem Gefängnis fliehen kann und ein ganz anderes Leben führt.“

Wer war sie? Ein besonderes Mädchen. Eins, das Sportschuhe liebte. Und nicht unter die Haube gebracht werden wollte. Die sich vielmehr ihrer Jungfräulichkeit in einem aseptischen Akt anonymen Beischlafs entledigte, „wie beim Zahnarzt“, damit kein „Defloration-aus- Liebe“-Tamtam darum gemacht werden konnte, wer der Erste sein durfte. Kein Mann sollte die Planungshoheit über ihr Leben haben, ihr Sohn nicht und der Vater des Sohnes nicht, auch wenn er alle Machtmittel nutzte.

Wer war sie? Der mühsame Prozess der Selbstentdeckung. „Jahrelang habe ich die Frage meines Lesbisch-Seins verdrängt, obwohl meine Träume voll von Frauen waren.“ Die Selbstentdeckung des Körpers in einem Land der Prüderie: „durch verborgene Küsse & Streicheleien lernte ich die Freude kennen“, aber die Freude war mit Männern nie herzensfroh zu teilen. Dennoch ging sie weiter auf dem „normalen Weg“, sie heiratete, wurde Mutter, aber es war nicht das Wahre.

„Wer war ich? Welche Träume hatte ich als kleines und großes Mädchen geträumt? Und wie sollte ich das Schweigen über die Verschwörung gegen mein Leben brechen, wenn die anderen Frauen stumm blieben oder ihre Stimme höchstens erhoben, wenn sie ihr einen Baritonklang geben konnten?“

Sie war Katherine Hepburn, dynamisch, ironisch, „hoffnungslos sportlich. Genau das war es, was mir wirklich an ihr gefiel: ihre Absage an Stöckelschuhe und Rockschlitze und an den Versöhnungshüftschlenker.“ Mit flachen Schuhen lässt es sich leichter „schnell, aufrecht und erhobenen Hauptes gehen“. Stolz und gelassen. Nicht länger Beute. Das war schwer. Das Geld reichte nie. Je offensichtlicher ihre Not, desto erpresserischer die Arbeitgeber. Die Welt der Väter verzeiht die Desertion der Töchter nicht.

Sie ging „durch die traumatische Schule des wirklichen & wahrhaftigen Lumpendaseins“, aber sie verzichtete nie auf die morgendliche „Troika Espresso- Capuccino-Hörnchen“ plus extra Espresso, zwecks Feier des Lebens und des Leibes. Eine Freude, nur zu vergleichen mit dem Alleinsein während einer Nachmittagsvorstellung in einem kleinen drittklassigen Puschen-Kino. Eine Freude, die nur übertrumpft wurde von der Liebe selbst, in Gestalt Primaveras, die eines schönen Tages wie ein geblähtes Segel durch den Saal rauschte: „Wenn sie mich sah – wie würde sie mich sehen? Selbstverständlich nie – so dachte ich mir – mit der Art von Liebe, mit der ich sie stundenlang fassungslos ansah. Denn Primavera war schön, viel schöner als die Filme von vier bis sechs! Wie ein Konzentrat aus allen drei Grazien erschien sie mir, und obendrein Botticellis Frühlingsallegorie, von Pagen geleitet. Tatsächlich – der Wahrheit zuliebe – war sie für mich auch die Pagen und die Vögel und die Bäume und die Blumen und alle Düfte aus dem Garten des Universums selbst.“ Zum Glück war sie auch politisch in Ordnung. Und auf einmal war Liebe in ihrem Leben und nicht nur Kampf. Aber das gefiel weder den Freunden noch den Genossen, dass sie dem „Modell Hausfrau“ wie dem „Modell Emanzipierte“ abschwor.

„Ich hatte immer das Gefühl, da steht eine endlose und unsichtbare Mauer zwischen mir, der Frau, und den Parks und Wäldern und Stränden und dem Meer meiner Heimat, zwischen mir und der Natur, zwischen mir und dem Schweigen. Ich nannte sie immer die Mauer des Herzklopfens.“ In Berlin fiel diese Mauer. „In Berlin konnte ich schon seit 1973 als Lesbe leben, in Rom wäre ich höchstens eine Feministin gewesen.“ In Berlin fand sie eine Sprache für sich selbst, und eine gemeinsame Sprache mit anderen, und sie schrieb das Buch ihres Lebens „Confusa Desio. Eine Reise in Abschweifungen“. Wenn sie nach einer Fortsetzung gefragt wurde, dann antwortete sie, dass sie nunmehr eine „Paroleria“ betreibe, und dabei beobachtete sie genüsslich, wie sich die Fragezeichen in den Augen der Fragesteller zu drehen begannen. Sie lebte ihr Leben, sie musste es nicht mehr überdenken. Sie unterrichtete Italienisch, zuweilen con ira, meist con amore, arbeitete als Buchhändlerin, suchte die Freundschaft der Autoren, fand Liebe, überwarf sich, breitete erneut die Arme aus: „Okay, ich Mama Tarzan, du figlio Jane.“

Sie war mehr, als sie zuweilen selbst begreifen konnte. „Ich bin eine Koralle“, so fand sie sich wieder in Rose Ausländers Gedicht, „im Meer der Erinnerungen und warte auf den Wind / Prinzessin fisch mich auf leg mich um deinen Hals / Das wär mein Glück.“

Ein wandelndes Weihnachtsgeschenk, das war sie, und sie konnte alles als Geschenk begreifen. In ihrem kleinen Zimmer, erleuchtet von Aladins Lampe, hatte sie all ihre Schätze zur Hand, „a portata di mano“, die Bücher, die sie liebte, die Bilder der Menschen, denen sie gern zulächelte, Lebende wie Tote. Italien war nicht fern, das Meer wogte in ihr bis zum Ende, stürmisch zuweilen und beklemmend tief, aber von Wolken und Winden bewegt und beseelt.

Eine letzte kleine Kostprobe aus ihrer Paroleria, ihrer Wortwerkstatt der Poesie, gab beim Abschied ihr Schriftstellerfreund Friedrich Christian Delius. Er hatte ihr eine Postkarte mit dem Motiv „Das Dorf am Meer“ zugesandt und folgende Dankesworte erhalten: „Lieber Christian, ich habe aus meinem Klo ein Dorf am Meer gemacht! Das heißt: ich genieße das warme Wetter, die Sonne, das Wasser, ich genieße einfach, was ‚a portata di mano’ ist. D. h.: das Leben einer ,Edonista’! Und ich genieße es, eine ,Edonista’ zu sein! … Il mare in me, il mare in te! Bacio, R.“

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