Rosinenbomber-Pilot : "Ich bin kein Held"

Der Flugkapitän der Unglücksmaschine, Martin Müller, zog für den Rosinenbomber nach Berlin. Am Sonnabend übernahm er erst in der Luft das Steuer vom Co-Piloten.

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Mann der Stunde. Keiner kennt den Rosinenbomber so gut wie Chefpilot Martin Müller. 1700 Flugstunden hat der zweifache Vater aus Steglitz auf diesem Sitz absolviert. Am 19. Juni rettete er mit seiner Notlandung Crew und Passagieren das Leben. Für dieses Bild hatte er sich während Wartungsarbeiten noch in Tempelhof ins Cockpit gesetzt.
Mann der Stunde. Keiner kennt den Rosinenbomber so gut wie Chefpilot Martin Müller. 1700 Flugstunden hat der zweifache Vater aus...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Eines ist klar: Martin Müller will auf jeden Fall wieder ins Cockpit, trotz des Flugzeugunglücks am Sonnabend. Seitdem Müller ein kleiner Junge ist, seit er diese silberne Maschine das erste Mal sah, fasziniert ihn der Rosinenbomber. Um als Pilot der historischen Douglas DC-3 arbeiten zu können, war der 45-Jährige aus Baden-Württemberg vor fünf Jahren extra nach Berlin gezogen. Derzeit wird der Chefpilot des Rosinenbombers und Stellvertretende Fachbereichsleiter Flugbetrieb bei Air Service Berlin auch wegen der unzähligen Anfragen aus dem In- und Ausland von der Öffentlichkeit abgeschirmt. Dem Tagesspiegel ließ er aber ausrichten: „Ich habe absolutes Vertrauen in das Flugzeug und ins Fliegen im Allgemeinen. Ich hoffe, so schnell wie möglich wieder am Steuer des Rosinenbombers sitzen zu können.“

Von der 1944 gebauten Maschine sind nach der Bruchlandung in Schönefeld, die nach Triebwerksproblemen stattfand, nur Trümmer übriggeblieben. Diese werden jetzt vom Luftfahrtaufsichtsamt im Hangar von Air Service Berlin untersucht. Beim Aufprall auf dem Baustellengelände des künftigen Großflughafens BBI war die rechte Tragfläche von einem Zaun abgerissen worden, das Leitwerk ist kaputt, ein Teil des Rumpfes aufgerissen, auch das – nicht ausgefahrene – Fahrwerk ist beschädigt. Im Laufe der Woche werde nun geprüft, ob die Maschine wieder aufgebaut werden könne, Ersatzteile seien jedenfalls zu bekommen, hieß es beim Air Service Berlin.

„Wir bekommen aus der ganzen Welt von Flugfans, aber auch von Medien Anfragen“, sagt Unternehmenssprecher Holger Trocha. Alle wollten wissen, ob die einzige Douglas DC-3, die während der Luftbrücke 1948/49 im Einsatz war und seither fliegt, wieder in Betrieb gehen könne.

Nach Recherchen des Tagesspiegels hatte für den Rundflug zunächst Flugkapitän und Kopilot Thomas Wolber Schub gegeben. Als das linke Triebwerk versagte, die Leistung des rechten zurückging, übernahm Martin Müller als „Pilot in Command“ das Steuer. Thomas Wolber lag am Montag noch mit Nasenbeinbruch im Krankenhaus und wird mit Wachschutz vor Neugierigen abgeschirmt.

„Der Kopilot hatte, als wir alle nach der Notlandung schnell aus der Maschine ausgestiegen sind, blutige Schnittwunden im Gesicht und an der Hand“, sagt Stefan Kaufmann. Der Bundestagsabgeordnete der CDU hatte den Rundflug als Geburtstagsgeschenk bekommen. Jetzt, ein paar Tage danach, komme das unwirkliche Geschehen immer wieder hoch. „Als ich jetzt bei einer Ballettvorführung war, sind mir plötzlich die Bilder vor dem inneren Auge erschienen“, sagt Kaufmann. Er hatte sich, „nachdem das linke Triebwerk plötzlich so stotternd leise wurde, nachdem mir klar war, dass wir keine Höhe mehr machten, nachdem jemand laut ,Oh Gott‘ rief, am Vordersitz festgeklammert und den Kopf eingezogen“. 1050 Liter Kerosin befanden sich in den Tanks der Maschine.

Als nach dem harten Aufprall alle den Rosinenbomber verlassen hatten und die Feuerwehr den Brand am Flugzeug gelöscht hatte, wurden die drei Crewmitglieder und die 25 Passagiere von Notfallseelsorgern des Landkreises Dahme-Spreewald versorgt. „Dann wollten alle in ihre sichere, vertraute Lebenswelt zurück“, erzählt der evangelische Berliner Flughafenpfarrer Justus Fiedler. Allen wurde seelsorgerische und psychologische Hilfe angeboten. Fiedlers Erfahrung nach können Traumata erst später aufbrechen, „aber die menschliche Seele verkraftet eine ganze Menge“. Wichtig sei, dass jeder der Betroffenen jetzt das mache, „was ihm persönlich guttut“. Das kann wegfahren sein, ausspannen, oder arbeiten gehen. Die Stewardess der Unglücksmaschine, die am Montag schon wieder pflichtbewusst zum Dienst erschien, wurde dann aber doch erst mal freundlich nach Hause geschickt. Passagier Stefan Kaufmann, 40, hilft es, dass sein Lebensgefährte an seiner Seite ist. „Und die Gewissheit, dass keiner gestorben ist.“

„Ich fühle mich aber nicht als Held. Ich habe meinen Job gemacht“, ließ Pilot Martin Müller dieser Zeitung ausrichten. „Körperlich geht es mir gut, ich brauche jetzt nur ein bisschen Abstand.“ Dem Steglitzer hilft es, bei seiner Familie zu sein. Wer ihn schon mal getroffen hat, nimmt den Eindruck mit, er ist umgänglich, nett, Profi durch und durch. Ein Pilot mit Erfahrung: Auch Businessjets und Ambulanzflugzeuge flog er bereits.

Passagier Stefan Kaufmann hatte schon bei den Einführungen der Piloten vor dem Einsteigen am Dialekt gehört, dass Pilot Müller aus der selben Stadt stammt: Stuttgart. Dorthin, in seinen Wahlkreis, musste der Abgeordnete am Montag wieder fliegen. „Ein bisschen mulmig ist mir ja schon“, sagte er am Flughafen ins Handy. Annette Kögel

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