Berlin : Rot-grüner Streit um die Löwennummer

Pro&Contra: Anrufer gegen Verbot von Wildtieren im Zirkus

Christoph Stollowsky

Fauchende Panther, tanzende Elefanten oder Affen, die mit Riesensätzen durch die Manege springen: Viele Tagesspiegel-Leser wollen auf diese Vergnügungen im Zirkus offenbar nicht verzichten. 65,9 Prozent aller Anrufer unseres „Pro&Contra“-Telefons am Wochenende sprachen sich gegen das Ansinnen des Bundesrates aus, die Haltung von wilden Tieren im Zirkus zu untersagen – nur 34,1 Prozent waren dafür. Und die Beteiligung war groß. Die Frage, ob Dompteure ihre Kunst mit Löwen, Bären und anderen Wildtieren weiter im Zirkus zeigen dürfen, scheint die sprichwörtlich tierlieben Berliner stark zu bewegen.

Allerdings auf andere Weise, als es die Tierschutz-Expertin der grünen Bundestagsfraktion, Ulrike Höfken, gerne hätte. Sie geht sogar noch weiter als die Länderkammer (siehe Kasten), plädiert für ein „generelles Haltungsverbot“ und fährt jeden, der es anders sieht, harsch an. „Wer so etwas zulässt, sieht die Realität nicht. Er macht sich zum Voyeur von Tierquälerei.“ Es gebe zwar ausreichende Vorschriften zur artgerechten Haltung im Tierschutzgesetz – auch für Zirkusse – aber die Kontrolle sei wegen der zersplitterten Länderzuständigkeit schlecht. „Wir haben ein Vollzugsdefizit“, sagt Ulrike Höfken, „und das lässt sich kaum verbessern.“

Ob tatsächlich Wildtiere verboten werden oder die Bundesregierung nur die Kontrolle der rollenden Menagerien verschärft, ist aber noch völlig offen. Der Beschluss der Länderkammer ist nur eine Empfehlung – und in der rot-grünen Koalition zudem umstritten. So sieht der Tierschutz-Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Wilhelm Priesmeier die Situation eher gelassen. Er hält „gar nicht so viel“ von einem generellen Nein – zumal eine solche Lösung aus seiner Sicht rechtlich angreifbar wäre: „Sie kommt ja einem Berufsverbot für Dompteure gleich. Wenn nur einer klagt, ist die Regelung möglicherweise im Eimer.“

Der SPD-Mann wäre schon mit kleineren Verschärfungen zufrieden. Dazu gehört für ihn ein bundesweites Zentralregister, dem alle wilden Tiere deutscher Zirkusse gemeldet werden müssen. Die Kontrolle der Haltungsbedingungen werde dadurch erheblich erleichtert. Denn jeder Amtsveterinär könne dann feststellen, ob ein Zirkus schon öfter negativ aufgefallen ist – und entsprechend durchgreifen. Auch Wilhelm Priesmeier rügt die Länder hart, weil diese „viel zu lasch“ kontrollieren. Doch er hält es für ausreichend, die Überprüfungen wesentlich konsequenter durchzuführen – und liegt dabei auf einer Linie mit den Zirkussen, die am vergangenen Wochenende in Berlin gegen umstrittene Haltungsverbot demonstrierten.

Auch die CDU-Fraktion im Bundestag sieht die Dinge ähnlich, obwohl sie damit ihren hessischen Parteifreunden in den Rücken fällt. Und die zuständige Landwirtschaftsministerin Renate Künast (Grüne) will sich noch nicht festlegen. „Wir werden uns mit allen Verantwortlichen jetzt erst einmal an einen Tisch setzen“, lässt sie ausrichten.

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