Berlin : Rot ist rot ist nicht rot

Amtsgericht verurteilt U-Bahn-Fahrer, der Signal ignorierte

Klaus Kurpjuweit

Im Gerichtssaal wird es ganz still. Fünf Monate Haft – zur Bewährung ausgesetzt – fordert der Ankläger für den U-Bahn-Fahrer, der ein Rot zeigendes Signal ignoriert und dadurch einen Unfall verursacht hatte. Dabei hatte der Angeklagte Harald W. gehofft, dass das Amtsgericht den bereits ergangenen Strafbefehl mit einer Geldstrafe in Höhe von 1000 Euro (40 Tagessätze zu je 25 Euro) aufheben oder zumindest reduzieren wird. Und jetzt das.

Gut, Harald W. hatte einen Fehler begangen. Das gab er ja auch zu. Wie es dazu kam, könne er nicht sagen, sagte der Fahrer. Die Anweisung war nach Ansicht der BVG klar: Wegen einer Baustelle mussten die Fahrer auf dem Abschnitt der U-Bahn-Linie U 6 zwischen den Bahnhöfen Kurt-Schumacher-Platz und Alt-Tegel alle Rot zeigenden Signale ignorieren und vorbeifahren – mit einer Ausnahme. Doch auch an diesem Signal stoppte der Fahrer im März 2003 nicht. Dadurch stieß sein Zug am Bahnhof Kurt-Schumacher-Platz mit einem anderen Zug zusammen, in dem keine Menschen saßen. Dieser „Leerzug“ sollte erst am Bahnsteig Fahrgäste aufnehmen.

Wie viele Rot zeigende Signale der Fahrer ignorieren musste, spielte vor Gericht keine Rolle. Er hätte aber wissen müssen, an welchem er unbedingt stoppen musste, sagte der Ankläger, der meist von Kurt-Schumacher-Damm sprach, wenn er den Bahnhof Kurt-Schumacher-Platz meinte, und der den Unglücksfahrer in der Anklage in einen „Leerzug“ setzte, obwohl dieser mit dem Fahrgastzug unterwegs war.

Auch der U-Bahn-Betriebsleiter Kurt Beier, der die Dienstanordnung zum Ignorieren der meisten Signale erlassen hatte, war als Zeuge vor Gericht der Ansicht, die dazu verteilten Skizzen seien „vorbildlich und einprägsam“ gewesen. Allerdings sagte Beier auch, es sei bekannt, dass es bei solchen Anweisungen in der Vergangenheit schon Verstöße gegeben habe. Dabei sei zum Glück nie etwas passiert. Bessere Sicherheitssysteme seien organisatorisch nur schwer umzusetzen. Für den Verteidiger lag der Fehler deshalb „im System“. Eine Anweisung, ein rotes Licht mehrfach zu ignorieren und dann an einer besonderen Stelle wieder zu beachten, berge die Gefahr eines Fehlverhaltens in sich.

Doch auch die Richterin am Amtsgericht Tiergarten sah die Alleinschuld beim Fahrer. Gerade am Ende einer Strecke mit einem besonderen Betriebsablauf hätte er besonders aufmerksam sein müssen. Sie erhöhte die Geldstrafe auf 2400 Euro (60 Tagessätze zu je 40 Euro). Der Anwalt will dagegen Berufung einlegen.

Der Fahrer fährt weiter U-Bahn-Züge. Die BVG selbst hatte sich mit einer Verwarnung begnügt.

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