Berlin : Rot-Rot gegen barocke Herrlichkeit

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Von Brigitte Grunert

und Barbara Junge

Mit Spannung erwarteten am Donnerstagabend die Berliner Politiker die Entscheidung des Bundestages über die Zukunft des Schlossplatzes. Kaum war das Votum für eine Rekonstruktion der historischen Schlossfassade gefallen, reagierten die Parteien höchst unterschiedlich: SPD, PDS und die Grünen warnten vor barocker Herrlichkeit, CDU und FDP begrüßten den Entschluss im Reichstag. Der SPD-Landesvorsitzende Peter Strieder sagte, wenn der Bund sich entgegen dem Willen der rot-roten Berliner Regierung für eine Schlossfassade entscheide, dann müsse er auch „die finanzielle Verantwortung übernehmen“. Der PDS-Landesvorsitzende Stefan Liebich formulierte diese Haltung deutlicher: „Wer sich ein Schloss wünscht, der soll es auch bezahlen.“

Bereits in ihrer Koalitionsvereinbarung hatten SPD und PDS gegen eine vorzeitige Entscheidung für eine Schlossfassade plädiert. Dort heißt es: „Über die Gestaltung des Ensembles und die mögliche Einbeziehung nutzbarer Teile des Palastes der Republik soll erst im Ergebnis eines städtebaulichen und architektonischen Wettbewerbes entschieden werden.“ Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und Peter Strieder sind für einen Bau der Moderne, „natürlich mit Assoziationen an die Historie“, wie Strieder sagt. Die Schlossfassade ist aus seiner Sicht „nicht das richtige Zeichen für den zentralen Ort der Republik“. Strieder bedauerte, dass wieder nur über die Hülle und nicht über die Nutzung debattiert wurde. Wowereit kann sich allerdings mit der historischen Fassade abfinden, sollte diese eher private Geldgeber anlocken.

SPD-Fraktionschef Michael Müller vertritt die andere Richtung in der SPD und ist für die Rekonstruktion der Schlossfassade: „Bei so viel moderner Architektur sollte der Schlossplatz wieder sein historisches Gesicht bekommen, das wunderbar zu den anderen historischen Bauten passt.“ Dies werde „auf die Republik ausstrahlen, ein Platz für alle Deutschen.“

PDS-Chef Liebich befürchtet bei einer Realisierung der Schlossfassade ein negatives Signal. Eine solch „rückwärts gewandte Entscheidung“ zementiere einmal mehr die Zweiteilung der Stadt in Ost und West. Ein Wettbewerb hätte nach Liebichs Vorstellung die Chance geboten, der geteilten Geschichte der Stadt Rechnung zu tragen. PDS-Kultursenator Thomas Flierl, meint, ein Wettbwerb könnte ja immer noch erbringen, dass man die Fassade integriere. Das offene Verfahren eines Wettbewerbs wäre die richtige Form für eine solche Entscheidung gewesen. Das Votum des Bundestages für die Barock-Fassade bedeute nun: „Der Bund hat auch über die Bereitstellung von 600 Millionen Euro entschieden, andernfalls nimmt er seine eigene Entscheidung nicht ernst.“

Die Grünen – im Bundestag wie die SPD an der Frage gespalten – lehnen in Berlin die Schlossfassade ab. Parteisprecher Till Heyer-Stuffer befürchtet, dass „eine Beschränkung auf einen Teil unserer Geschichte“, den Geist der vereinten Republik nicht widerspiegeln könnte. „Ein Wettbewerb hätte die verschiedenen Epochen deutscher Geschichte integriert“, sagte Heyer-Stuffer. FDP-Chef Günter Rexrodt sieht dagegen in einer rekonstruierten Fassade den Ausgangspunkt für ein neues Bewusstsein. „Wir brauchen auf dem Weg nach Europa eine Identität“, sagte Rexrodt, mit der Barock-Fassade ist eine solche gegeben. Zwar sei das Schloss nur ein Teil deutscher Identität, aber ein wichtiger.

Für CDU-Chef Christoph Stölzl indes ist schon seit 1990 klar, „dass die Wiederherstellung des Antlitzes in der Mitte Berlins nur mit der Wiederherstellung der Schlossfassade gelingen kann, weil sich alle historischen Bauten auf das Schloss beziehen“. Die PDS sei nur dagegen, weil sie „ein schlechtes Gewissen wegen des Vandalismus von Ulbricht und seinen Helfern habe. Aber schon die Baustelle werde Berlin neue Ausstrahlung geben: „Alle werden kommen und gucken. Man kann an dieser Schaustelle Feste feiern und Geld sammeln, es gibt einen Schub für die Bauwirtschaft.“

Stölzl tröstete die Verfechter der Moderne: „ Es gibt ja auch moderne Elemente, der Zeitgeist wird erkennbar sein.“ Nachdenklich war gestern die CDU-Kulturpolitikerin Monika Grütters. Sie könnte sich „auch eine zeitgemäßere Form“ vorstellen. Am wichtigsten aber sei ihr die Unterbringung der außereuropäischen Sammlungen der Dahlemer Museen an diesem Ort: „Das sagt mehr über unser weltoffenes Selbstverständnis am prominentesten Ort der Republik aus als die Fassadengestaltung.“

Für alle ist klar, dass es lange dauert, bis das Bauwerk steht – denn die inhaltliche Konzeption ist nicht entschieden, die Bezahlung völlig offen. Die Mutmaßungen liegen zwischen zehn und 20 Jahren. „Ich hoffe, ich lebe noch so lange, dass ich mich über meinen ersten Besuch im Schloss freuen kann“, sagt Stölzl.

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