Berlin : Rot-Rot: Werteunterricht und kein Zurück

Die PDS möchte das Fach LER erst ab der siebten Klasse einführen – Kirchen sorgen sich um ihren Religionsunterricht

Christian van Lessen,Ulrich Zawatka-Gerlach

Nicht nur bei den Sozialdemokraten, auch in der PDS zeichnet sich eine Mehrheit für einen schulischen Werteunterricht als Pflichtfach ab. Dabei wollen die Sozialisten „einen Kirchenkampf an den Grundschulen vermeiden“, sagte die Vize-Fraktionschefin Carola Freundl gestern dem Tagesspiegel. Das heißt, ein Schulfach „Lebensgestaltung/Ethik/Religionskunde“ (LER) soll erst ab Klasse 7 stattfinden. Dann aber ohne die Möglichkeit, dass sich Schüler zugunsten eines herkömmlichen Religions- oder Weltanschauungsunterrichts abmelden.

Das Modell der PDS, das in einer innerparteilichen Arbeitsgruppe entstanden ist, soll am 15. März von der Abgeordnetenhausfraktion diskutiert und beschlossen werden. Es werde ein finanzierbares Konzept sein, kündigte Freundl an. Der neue, für alle Schüler verpflichtende Werteunterricht dürfe die Zahl der Unterrichtsstunden an den Berliner Schulen nicht erhöhen. Dies könne, sagt Freundl, durch „Umstrukturierungen“ erreicht werden. Im Detail will die PDS ihr Modell am Dienstag öffentlich vorstellen.

In der SPD zeichnet sich, wie berichtet, eine große Mehrheit für einen LER-Unterricht als Pflichtfach ab. Über die Frage, ob er erst ab Klasse 7 eingeführt werden soll, wird bei den Sozialdemokraten noch diskutiert. Ein verbindlicher Beschluss wird auf dem SPD-Bildungsparteitag am 9. April gefasst. „Anschließend werden wir uns mit der SPD relativ schnell zusammensetzen“, sagte die PDS-Politikerin Freundl gestern. Sie plädiert für eine schrittweise Einführung des neuen Unterrichtsfachs. Bis zum nächsten Schuljahr 2005/06 werde die notwendige Gesetzesänderung sicher noch nicht in Kraft treten können.

Die Kirchen hegen mittlerweile die Sorge, der Religionsunterricht könne an den Schulen ins Abseits geraten. Ein so „homogenes“ Meinungsbild, wie sich dies in den Kreisverbänden der SPD für LER als Pflichtfach abzeichne, habe man nicht erwartet, sagte gestern der Sprecher der evangelischen Landeskirche, Markus Bräuer. Er sprach von einer falschen Entscheidung. „Wir werden das so nicht hinnehmen“. Man wolle alles mobilisieren, um für das unverzichtbare Angebot des Religionsunterrichts als ordentliches Lehrfach zu werben, hieß es. Bistumssprecher Stefan Förner nannte die SPD-Beschlüsse „bedauerlich“. Beide Kirchenvertreter forderten deren Rücknahme.

Bräuer sagte, es gehe nicht gegen das Fach LER, aber gegen ein staatliches Monopol bei der Werteerziehung. Ein alleiniges staatliches Pflichtfach ohne die Möglichkeit, als Alternative den Religionsunterricht zu wählen, verstoße gegen die im Grundgesetz garantierte Religionsfreiheit. LER und Religionsunterricht als gleichberechtigte Fächer und die Möglichkeit, zwischen beiden zu wählen, „befähigt am ehesten dazu, wechselseitiges Verstehen und Toleranz zu fördern“, hieß es in einer Stellungnahme beider Kirchen. Ein für alle verpflichtender staatlicher Unterricht schaffe keine ausreichende Begegnung mit den Inhalten von Religionen. Vor die Wahl gestellt, Religionsunterricht zu haben oder stattdessen „lieber Eis essen zu gehen“, entschieden sich immerhin rund ein Drittel aller Schüler für Religion.

In den Kirchen wird befürchtet, dass Kinder, die zum LER verpflichtet werden, dann auf einen zusätzlichen Religionsunterricht verzichten. Derzeit nehmen rund 90000 Schüler am evangelischen und rund 30000 am katholischen Religionsunterricht teil. Die Islamische Föderation unterrichtet etwa 4000 Schüler, der Humanistische Verband mit Lebenskunde mehr als 34 000 Schüler.

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