Berlin : Rot und Regen

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Kleine Geschichten von oder über Menschen, die auf den Arzt warten, die stehen hier. Vom Unfall auf der Straße.

Es war die schlimmste Sorte Warten. Die schlimmste Sorte Hoffnung. Im Augenwinkel das Rot. Der Anorak des Mädchens. Sein Blut. Der Fahrer des Lastwagens, der sich krümmt. Mit Kinderstimme ruft und ruft: Habsiedochnicht gesehenhabsiedochnichtgesehen… Der hustet und schluchzt und heiser weiterruft und sich krümmt vor Angst. Der Regen, der das Rot verteilt, auf dem Asphalt verbreitet, kleine Strahlen aus der Lache reißt und sie ums Fahrrad schwemmt. Und alle schauen die Straße rauf und runter, rauf und runter, rauf und runter, mechanische RechtsLinks-Gucker, ohne einander in die Augen zu sehen, ohne das Mädchen anzuschauen, und fragen, kennt sich jemand mit Erster Hilfe aus? und rufen nochmal den Krankenwagen und nochmal. Und das Mädchen ganz, ganz still. Den Kopf so komisch an den Boden geschmiegt, die Haare überm Gesicht und schwarz im Rot. Wäre diese Sekunde jetzt oder diese oder diese oder jede folgende, während die Zeit vertickt, nicht genau die, in der man etwas tun müsste? Ist sie noch da? Und wer wartet auf sie?

Nachher wird ein Telefon klingeln.

Eben war noch Stau. Zähe Bewegung. Und dann erstarrt das Bild. Menschen, die sich nicht kennen, warten, horchen auf Sirenen, drei Minuten, fünf, zehn, elf, zwölf, dreizehn, einhalb, dreiviertel, kennt jemand einen Arzt auf dieser Straße? Ob man sie umdrehen soll? Bloß nicht, die eine, warum nicht, die andere, und wenn sie nicht atmen kann?

Der Rettungswagen kommt. Der Sanitäter steigt aus. Er schüttelt schon nach zwei Schritten den Kopf. Geht trotzdem hin. Tastet kurz. Hat sich erledigt, sagt er. rcf

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