Berlin : Rot-weißer Fußball-Rausch

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Von M. Schuller, S.Wiehler

und J. Hasselmann

Jubelnd zogen gestern Tausende, vorwiegend junge, Türken nach dem Sieg ihrer Nationalmannschaft über die Japaner vom Sony-Center zum Breitscheidplatz. Dort feierten sie stundenlang den Einzug ins Viertelfinale.

Nur wenige Sekunden nach Abpfiff des Spiels stoppt die Polizei den Autoverkehr vor dem Sony-Center: Die Potsdamer Straße gehört den türkischen Fans. Vor der Zentrale des japanischen Unterhaltungskonzerns feiern sie ein Freudenfest und treten ihren Triumphzug in Richtung Innenstadt an: Mädchen fassen sich bei der Hand und tanzen zum Trommelschlag, angefeuert von klatschenden Fans. Im Strom der Begeisterung schwenkt Onur die rot-weiße Fahne mit Stern und Halbmond. „Jetzt geht es zum Ku’damm“, sagt der 16-Jährige. Nach dem knappen 1:0-Sieg im Achtelfinale entlädt sich die Anspannung in doppelter Freude. „Die Japaner haben sehr guten Fußball gespielt“, sagt der 22-jährige Dogan. Wie viele andere hat auch er sich in eine türkische Fahne gehüllt und ist sichtlich erleichtert über den Einzug ins Viertelfinale. „Natürlich haben wir gezittert. Aber jetzt wird gefeiert.“

Kurzzeitig gerät der Freudentaumel außer Kontrolle: Auf dem U-Bahnhof Potsdamer Platz blockierten türkische Fans zunächst den Betrieb, indem sie immer wieder die Notbremse zogen – darüber gerieten andere Türken offensichtlich so in Rage, dass sie in dem Zug mehrere Scheiben einschlugen. Die BVG alarmierte daraufhin die Polizei, die um 10.38 Uhr den Bahnsteig abriegelte; der beschädigte Zug wurde ausrangiert. Doch auch mit dem nächsten Zug kam die BVG nicht weit, am Gleisdreieck wurde wieder die Notbremse gezogen und randaliert. Zu einem weiteren Zwischenfall kam es am Bahnhof Nollendorfplatz, als ein Türke vor dem grünen Bundestagsabgeordneten Cem Özdemir die Hose runterließ und ihn beleidigte. Die Polizei nahm mehrere Fans fest, die mit Schreckschusswaffen in die Luft feuerten.

Die meisten Fans ziehen jedoch friedlich über die Potsdamer Straße und die Kurfürstenstraße zum Breitscheidplatz, unter ihnen auffallend viele Fans im schulpflichtigen Alter. „Ich habe heute zum ersten Mal die Schule geschwänzt“, gibt Zehra zu. Die 16-Jährige ist mit zwei Freundinnen unterwegs, ein schlechtes Gewissen hat sie nicht. „Die Zensuren stehen ja sowieso schon fest.“

Schon am Wittenbergplatz kommt der Verkehr zum Stillstand: In einem Meer von rot-weißen Flaggen tanzen junge Türken auf ihren Autos, hupen und schicken Raketen in den Himmel. Andere haben den Wasserklops erklommen, aus offenen Autos schallt Musik, und ein Straßenverkäufer verkauft noch schnell Trikots der Nationalmannschaft. Ein junger Türke hält eine Kopie der WM-Trophäe in die Luft. Alle feiern, als hätten sie die WM bereits gewonnen. Ein Polizist leiht einem Jugendlichen sogar kurz das Mikrofon seines Streifenwagens: „Türkiye“, schallt es so aus dem Polizei-Lautsprecher. Für Orhan Aydemir, einen 17-jährigen Schüler aus Neukölln, ist der Sieg gegen Japan „der schönste Tag in meinem Leben. Die Türkei wird Weltmeister 2002!“, davon ist er nun überzeugt. Nach zwei Stunden drängt die Polizei die letzten Fahnenschwenker auf den Breitscheidplatz ab.

Doch nicht alle teilen die Freude der Türken. Die 25-jährige Frau Ishii, die an der Rezeption der japanischen Restaurants Daitokai im Europa-Center arbeitet, hat wenig Verständnis für die türkische Party: „Das ist abstoßend“, sagt sie. Ishii hatte das Spiel mit japanischen Freunden in einem Café gesehen. „Ich hoffe, die Türken verlieren das nächste Spiel.“

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