Berlin : Rote Lotte

Frank Jansen

Es war wieder soweit. Das drinking couple wollte auf der Terrasse im Obergeschoss des Hecht-Clubs im Prater den klassischen Hecht-Club-Sommerabend genießen: Mit einem Cocktail in der Hand auf den Biergarten schauen, Erdnüsschen knacken und das Publikum analytisch sezieren. Zwar gab es Gerüchte, die Cocktailbar in der einstigen Bühnenrückwand des Prater sei geschlossen, doch das glaubt man erst, wenn man es sieht. So kam es dann leider auch. Die Terrasse war leer, der Hecht über dem verschlossenen Eingang hing da als Relikt besserer Tage. Im Biergarten erzählte eine Kellnerin, „ein zentraler Stahlträger ist gerissen“. Die Sanierung sei zu teuer, deshalb bleibe der Hecht-Club geschlossen – „für immer“. Und Berlin hat eine seiner interessantesten Cocktailbars verloren. Es sei denn, ein vermögender Lokalpatriot in Prenzlauer Berg nimmt diesen Kulturverlust wahr und rafft sich zur Rettung auf. Aber welcher Lokalpatriot in Prenzlauer Berg ist schon vermögend?

Drinking man und compañera zogen dann mit einem befreundeten Paar die Kastanienallee hinunter und landeten in einem Lokal in der Oderberger Straße. Schon von außen fiel die schrille Innenbeleuchtung auf: Rot blinkte gegen grün, außerdem erscholl beinharter Punkrock. Normalerweise hätte die compañera zum Weitergehen gedrängt, doch der Verlust des Hecht-Clubs bewirkte melancholische Milde. Also hinein in die Rote Lotte. Der Name klingt nach Hausbesetzer-Romantik und eiserner DDR-Nostalgie. Wird hier der Gattin von Walter Ulbricht gehuldigt, dem einstigen Chefstalinisten der DDR? Im Lokal war nichts zu entdecken. Da fallen barocke Stühle und Sofas auf, arrangiert zwischen hölzernen Jugendstil-Raumteilern. Hinterm Tresen steht ein freundlich-lässiger Kiezwirt mit Basecap. Obwohl der Raum nicht gerade üppig dimensioniert ist, wurde noch ein Podest mit Tischen drauf hineingebastelt. Droben nahm das drinking couple mit seinen Freunden Platz – und blinzelte in grüne Leuchter mit grellroten Leuchtbirnen drumherum. Anstrengend, dieses Rot. Am besten, man blickt tiefer ins Glas.

Bei dem Cocktail Stroumpf (Gin, Apricot, Orangensaft, Zitronensaft) lohnte sich die Inaugenscheinnahme (das Wort steht wirklich im Duden, danach folgt „Inauguraldissertation“) nur begrenzt. Das bunte Getränk mit dem seltsamen Namen wirkte flau. Ähnlich unentschlossen kam der Gin & Sin – sündig schmeckt anders. Nur der Caipirinha vermochte zu überzeugen. Dass der Cap-Keeper dann noch den Wunsch nach einem Latte Macchiato ablehnte, weil die Kaffeemaschine bereits gesäubert sei, erregte angesichts der zivilen Uhrzeit von 0 Uhr 40 den Verdacht der Unwilligkeit. Bei so frühem Sauberkeitseifer und den eher hingehuschten Drinks müsste das Lokal doch flotte Lotte heißen, oder?

Rote Lotte, Oderberger Straße 38, Prenzlauer Berg, Tel.: 0172 - 318 68 68, täglich von 19 bis 4 Uhr

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