Berlin : Rotkreuz-Einsatz mit Maurerkelle

Stephan Wiehler

Wer in Not ist, kann auf die Retter und Helfer vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) zählen. Die Geschäftsführerin des DRK-Kreisverbandes Reinickendorf, Gerlinde Bernsdorff, hat sich die Hilfsbereitschaft der gemeinnützigen Organisation auch privat zunutze gemacht. Seit Jahren schon planen sie und ihr Mann, ein altes Stallgebäude auf ihrem Privatgrundstück in Zehlendorf zu einem Wohnhaus auszubauen. Seit einigen Wochen nimmt das Projekt Gestalt an. Die DRK-Geschäftsführerin baut auf bewährte Kräfte. Mitarbeiter des Kreisverbandes Reinickendorf helfen auf der Baustelle ihrer Chefin, schwingen die Kelle, spachteln und füllen Fensterfugen. Das Baumaterial kommt zeitweise sogar mit dem vereinseigenen Rotkreuz-Transporter.

Zum Thema Newsticker: Aktuelle Meldungen aus Berlin und Brandenburg Das Hilfsprojekt in eigener Sache dient nach Ansicht der Bauherrin durchaus einem gemeinnützigen Zweck. Gerlinde Bernsdorff will ihrem Kreisverband mit dem Privatauftrag zusätzliche Einnahmen verschaffen. "Wir sind in der Situation, um jede Mark zu kämpfen", erklärt die Geschäftsführerin mit Blick auf die angespannte Finanzlage des Trägervereins. Wegen Überschuldung und drohender Insolvenz habe der Kreisverband schon mehrmals Fremdaufträge angenommen, um Geld in die Kasse zu holen und Arbeitsplätze zu sichern. Mit dem Innenausbau des Stallgebäudes unmittelbar neben ihrem Eigenheim in Zehlendorf habe sie deshalb neben Handwerksfirmen auch ein Team von Mitarbeitern des DRK beauftragt. Personal- und Sachkosten, versichert die Geschäftsführerin Bernsdorff, würden in Rechnung gestellt und von der Privatfrau Bernsdorff bezahlt. Beide sind davon überzeugt: "Rechtlich ist alles abgesichert."

Thomas Dohmen, der Geschäftsführer der Handwerkskammer Berlin, sieht das anders. "Als gemeinnütziger Verein, der alle entsprechenden Steuervorteile genießt, darf das DRK grundsätzlich keine gewerblichen Leistungen an Dritte erbringen."

Doch damit nicht genug: Seit vier Wochen sind auf der Privatbaustelle in Zehlendorf fast täglich drei bis vier Mitarbeiter vom Roten Kreuz beschäftigt - zum Teil offenbar gegen geltendes Arbeitsrecht. So nahm der Technische Leiter des Kreisverbandes, der über die Kostenstelle des Seniorenheims Alt-Wittenau bezahlt wird, einen Teil seines bezahlten Urlaubs, um im Auftrag des DRK beim Innenausbau in Zehlendorf mitzuhelfen. Ein weiterer festangestellter Mitarbeiter brach sich auf der Baustelle beim Sturz von einer Leiter eine Rippe. Das Unglück gilt als Dienstunfall. Seinen Hausmeister-Job in einem betreuten Wohnprojekt für ehemalige Obdachlose wird der Rekonvaleszent, so schätzt Gerlinde Bernsdorff, erst nach einigen Wochen Krankschreibung wieder ausüben können.

Neben einem weiteren arbeitslos gemeldeten Helfer war zeitweise auch ein Mitarbeiter eingebunden, der über das Bezirksamt Reinickendorf im Rahmen des Programms "Gemeinnützige zusätzliche Arbeit" (GZA) beim DRK-Kreisverband im Seniorenheim Alt-Wittenau beschäftigt ist. Für die Art seines Arbeitseinsatzes auf der Privatbaustelle von Gerlinde Bernsdorff interessiert sich jetzt auch Reinickendorfs Sozialstadtrat Frank Balzer (CDU). "Die Beschäftigung über GZA ist klar an die entsprechende Einrichtung gebunden", erklärt Balzer. Das DRK Reinickendorf erhalte immer wieder Arbeitskräfte über das Reintegrationsprogramm für Arbeitslose. "Wenn es zutrifft, dass der Betreffende außerhalb der zugewiesenen Arbeitsstätte für das DRK tätig war, wird das ernste Konsequenzen für den Kreisverband haben", kündigt der Sozialstadtrat an.

Inzwischen hat auch der Landesverband des DRK, der selbst in einem Insolvenzverfahren steckt, um Aufklärung gebeten. Der Vorstandsvorsitzende des Kreisverbandes Reinickendorf, Frank Zierach, informierte den kommissarischen Landesgeschäftsführer Friedrich Führ. "Ich habe den Landesverband gebeten, eine unabhängige Person zu benennen, die den Fall überprüft", erklärte Zierach. Er selbst will von den Details des privaten Bauauftrages erst in der vergangenen Woche erfahren haben. Sein Vertrauen in die Geschäftsführerin, die den Kreisverband seit 1995 leitet, ist indes ungebrochen.

"Im Vordergrund all ihrer Aktivitäten stand und steht das Rote Kreuz." Mit dem privaten Bauauftrag habe sie dem Kreisverband nur eine zusätzliche Einnahmequelle verschaffen wollen. Eine persönliche Vorteilsnahme ist für den Vereinsvorsitzenden nicht erkennbar. "Sie ist eine Vordenkerin, die Wege geht, die andere bisher nicht beschritten haben - manchmal mit unkonventionellen Mitteln."

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