Berlin : Rucola gratis

Bernd Matthies

über den neuen Trend zur Armenküche Stilvoll verarmen – das scheint gerade ziemlich in Mode zu sein. Wobei letzten Endes unklar bleibt, ob das Verarmen selbst so hoch geschätzt wird oder nur das Buch über das Thema, eine Art Grusellektüre. Huh!, wird der weiterhin begüterte Leser dann erschauernd feststellen, sieh mal, man kann auch ohne Rolex leben! Während der echt Arme sowieso kein Geld für Bücher hat.

In eine ähnliche Richtung geht das brandneue Hartz-IV-Kochbuch, das seine Klientel mit so wertvollen Ratschlägen anfeuert wie jenem, man finde Rucola gratis sogar vor vielen Berliner Arbeitsämtern. Auch hier bleibt der wirklich angepeilte Kundenkreis etwas unklar. Sind es die Arbeitslosen, die nun vor dem Amt nach Kräutern suchen, dabei eventuell Bärlauch mit Maiglöckchen verwechseln und daran sterben? Oder macht sich hier eine neue Mode breit?

Bald laden unsere so genannten Charity-Ladys vermutlich zu ganz authentischen Hartz-IV-Partys ein. Als Aperitif nur selbst gemachter Holundersirup! Die Blätter für den Salat haben sie vor der Bahnhofsmission gesammelt, auf die Billig-Nudeln kommt falscher Parmesan. Wir können auch arm!, heißt es dann. Aber die Armen können sich nicht mal das Kochbuch leisten.

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