Berlin : Rudi-Dutschke-Straße: Der Kampf geht weiter

Große Worte, keine Entscheidung: Wie Bezirksverordnete gestern die Umbenennung der Kochstraße diskutierten

Werner van Bebber

Zu Beginn Verwunderung: Da kommen die Bezirksverordneten von Friedrichshain-Kreuzberg zusammen, um über die Rudi-Dutschke-Straße zu entscheiden – und die CDU verlangt mit einem Dringlichkeitsantrag, dass der Bezirk nur noch Frauen mit Straßenumbenennungen ehre. Sehr durchsichtig das Ganze – da ist man sich schnell einig in dieser Versammlung, in der die Linke locker dominiert. Die PDS mit 17 Verordneten hatte angeregt, die Kochstraße – Berliner Adresse des Axel- Springer-Verlags und seiner Blätter – in Rudi-Dutschke-Straße umzubennen. Die SPD mit 15 und die Grünen mit 13 Verordneten wollen es auch. Aber die Sache mit den Frauennamen ist nicht so leicht wegzudebattieren. Das zeigt sich an diesem Mittwochabend im holzvertäfelten Versammlungsraum, dessen große Glasfront zur Yorckstraße mattiert und mit streng-geometrischen Linien gemustert ist: Als solle man bloß nicht hinaus sehen können in die trübe Kreuzberger Wirklichkeit.

Denn was bedeutet den Leuten Rudi Dutschke? Die CDU behauptet: nichts. 900 Anwohner der Kochstraße hatten sich bei einer Umfrage der Partei am Wochenende gegen die Umbenennung ausgesprochen, sechs dafür. Dass ausgerechnet die PDS den Antrag eingebracht hatte und nicht die linken Kreuzberger Grünen, das gab außerdem zu denken: Hatten sich die Sozialisten von ein paar schlauen Altlinken bei der taz instrumentalisieren lassen, die die Umbenennung als Marketing-Gag sahen und sich eine besonders linke Adresse verschaffen wollten – taz, Rudi-Dutschke-Straße? Im PDS-Antrag heißt es, Dutschke, der „Motor der ganzen antiautoritären Bewegung in der Bundesrepublik“ solle symbolisch versöhnt werden mit dem großen Gegner, dem Springer-Verlag. So, wie die Generationen der Bundesrepublik sich versöhnt haben, „in Berlin wie in Deutschland auch“.

Schöne Worte. Große Worte. Der mitteljunge Mann mit Fünf-Tage-Bart und schwarzem Kapuzenpulli, der um halb acht vor die Kreuzberger Bezirksverordneten tritt, muss die großen Worte etwas verkleinern. Es ist der Fraktionschef der PDS, Knut Mildner-Spindler, der einerseits „vielfach öffentlichen Zuspruch“ zur Umbenennungsidee bemerkt haben will, der aber andererseits alle Probleme, die mit der Aktion verbunden sind, ausgiebigst besprochen wissen möchte. So regt Knut Mildner-Spindler frei nach Willy Brandt und dessen Sowohl-als-Auch-Politologie einen BVV-Beschluss an, der nichts besagt: eine Willensbekundung, Dutschke zu ehren – und eine längere Diskussion über die Art der Ehrung.

Noch schwerer machen es sich die Grünen, die den Antrag prinzipiell unterstützen: Fraktionsmitglied Christine Hauser-Jabs erklärt, warum sie sich in der Abstimmung enthalten werde: Dutschke, den sie ehre, und der so vieles in Bewegung brachte, bis hin zur Kinderladenbewegung – Dutschke trägt eben keinen Frauennamen. Und erst wenn die Hälfte der Bezirksstraßen Frauennamen tragen, dürfe er zu Ehren kommen.

Da hate der CDU-Verorndnete Lars Meissner leicht spotten: Wenn die PDS die Generationen versöhnen wolle – die 68er mit deren Vätern – sollten sie doch ein Alters- oder Seniorenheim nach Dutschke benennen. Erst einmal müssten die Kreuzberger, vor allem die Anwohner, zu Wort kommen, verlangte Meissner. Das werden sie nun – in den Ausschussberatungen. Vier verschiede Gremine der BVV sollen jetzt über die Umbenennung streiten.

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