Berlin : Rudi Rosenzweig, geb. 1928

Tanja Buntrock

Es waren die tiefbraunen Knopfaugen. Dazu das volle, dunkle Haar, das ganz ohne Pomade perfekt lag. Und erst diese durchtrainierten Oberschenkel und die strammen Waden. Rudi Rosenzweig war der Schwarm aller Mädchen. Rudi ging damals mit Erika, aber Rosi wollte ihn unbedingt haben - und sie war wild entschlossen. Also überredete Rosi ihren Kanu-Vereinskameraden, gemeinsam raus ins Schilf zu paddeln. Schnell kamen die beiden sich näher. Erika ruderte ihnen vergeblich hinterher: Jetzt waren Rudi und Rosi ein Paar.

Wenn Rudi sich seiner zweiten großen Liebe hingab, schaute Rosi fortan begeistert zu. Als "Außenläufer" dribbelte er bei "Grün-Weiß Baumschulenweg". Rudi aus dem Wedding war einer der Besten in der Ostzonen-Mannschaft. Deshalb sollte er eigentlich auch bei Bundestrainer Sepp Herberger zu einem Lehrgang an der Sportschule am Wannsee auflaufen. Doch kaum war er ein paar Tage dort, bekam er Gelbsucht. Rosi holte ihn mit ihrem 200er DKW-Motorrad ab, Rudi hinten drauf mit gelb unterlaufenen Augen, so sausten sie über die Avus.

Wenig später, 1950, brach Grün-Weiß Baumschulenweg auseinander. Auch, weil sich die politische Lage in Berlin zuspitzte. Doch Rudi blieb am Ball. Der niedersächsische Toto-Direktor Heinz Goeing holte ihn in das kleine Nest Havelse, nahe Hannover, zum TSV. Morgens schuftete Rudi in der Toto-Auswertungsstelle, nachmittags trat er das runde Leder. Rosi blieb zurück in Berlin. Aber Rudi schrieb ihr feurige Liebesbriefe. Dass er sie liebt, dass er sie heiraten möchte, dass er sich wünscht, mit ihr eine Familie zu gründen ... Als er sie wieder einmal besuchte, kam er mit glänzenden Augen und einer großen Tüte: Rudi hatte seiner Rosi eine Überraschung mitgebracht. Einen roten, kuscheligen Pullover. Markenware. Rosi war hin und weg, streifte ihn sich gleich über. Doch was musste sie, die dunkelhaarige Rosi, auf der flauschigen Wolle entdecken? Lange blonde Haare. Rudi versuchte, die wütende Rosi zu beruhigen. Es seien die blonden Haare der Verkäuferin, versicherte er, "die sollte den Pullover mal anprobieren, weil sie deine Größe hat".

Rosis Mutter ermahnte ihre Tochter: "Röschen, sei nicht böse mit ihm. Du hast den besten Mann, den eine Frau sich wünschen kann." Rudis Charme waren sie eben alle erlegen: Frauen wie Schwiegermütter. Lange dauerte es nicht, da gab Rosi nach und zog zu Rudi nach Westdeutschland. Die Hochzeit feierten die beiden 1953 in Berlin. Doch mussten sie noch in derselben Nacht wieder nach Havelse. Glücklich beschwingt, wie sie waren, nahmen Rudi und Rosi in ihrem VW eine Freundin aus Hamburg bis Hannover mit. Doch konnten sie das Mädel mitten in der ungemütlichen November-Nacht auf dem Hannoveraner Hauptbahnhof stehen lassen? So verbrachten also Rudi und Rosi ihre Hochzeitsnacht zu dritt im Ehebett. Mehr Möbel gab es nun mal noch nicht in der neuen, gemeinsamen Wohnung.

Vier Jahre später waren die goldenen Toto-Zeiten vorbei, mit dem Direktor gab es Krach. Rudi zog mit Rosi, die mittlerweile hochschwanger war, zurück nach Berlin. Dort kickte Rudi nun für "Wacker 04" in Reinickendorf und verdiente sein Geld als Sportreporter für die "Fußball-Woche". Schnell mauserte er sich zur rechten Hand des Chefredakteurs Albin "Sprotte" Neuendorf. An den Wochenenden düste Rudi in seinem VW zu den Spielen, mit wehenden Hosen hetzte er nachmittags zurück in die Redaktion. Berichten, analysieren, bewerten. 1960 war ihm klar: Selber spielen und berichten, beides zusammen ging nicht mehr. 15 Jahre später hieß der Chefredakteur der "Fußball-Woche" Rudi Rosenzweig. Mit ihren drei Kindern wohnten Rudi und Rosi mittlerweile in der Wohnung über den Steglitzer Redaktionsräumen.

Bei der Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko wurden die Deutschen Vizeweltmeister, vier Jahre später, in Italien, holten sie dann den Titel. Rudi war immer dabei. Und auch wieder nicht. Die Ergebnisse der Endspiele bekam Rudi meist erst nach der Landung in Tegel mit: Er wollte die Kosten für den Verlag nicht unnötig in die Höhe treiben. Deswegen blieb er nur so lange, wie es für die "FußballWoche" nötig war. Die Endspiel-Berichte vom Sonntag kamen eh nicht mehr mit in die Montagsausgabe.

Kaum Alkohol, keine Zigaretten. Vielleicht war auch das der Grund, weshalb Rudi trotz seiner nur mäßigen Technik beim Tennis jeden Ball vom Gegner holte. Rudi lief und lief, kreuz und quer über den Platz. Aber Anfang des Jahres wunderten sich seine Tennis-Kameraden. Rudis Schläge waren weich geworden, völlig kraftlos hechelte er ans Netz. Der Krebs hatte bereits Schatten auf ihn geworfen. Das war Rudis letztes Spiel. Sechs Wochen später lag Rosi neben ihrem sterbenden Rudi. Als sie sich kurz zur Seite drehte, verließ er seine Frau. Rosi blieb noch einen Moment neben ihm liegen. Dann öffnete sie das Fenster, damit Rudis Seele entschwinden konnte.

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