Berlin : Rudi Thiessen (Geb. 1950)

Wer über dem Abgrund balanciert, behält den Überblick

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In jedem Aufbegehren steckt auch ein Begehren. Die Revolte gegen den Tod ist ein Schrei nach Leben, die Lust am Satanischen birgt ein geheimes Sehnen nach Göttlichem, und selbst im Wahnsinn Hamlets, der so redselig die Unordnung der Welt beklagt, klingt der kindliche Wunsch nach einer geordneten Familienaufstellung durch. Unser Leben ist ein fortwährender bizarrer Widerspruch, am eigenen Leib sehen wir Natur und Geist im steten Widerstreit, zuunterst am Schuhwerk. Schlappe ich salopp und gesundheitsbewusst in den Fußstapfen der Birkenstockler, oder folge ich dem Imperativ des Dandys, der dem Triumph der Form zuliebe Deformationen des Mittelfußes riskiert? Dank seiner Tochter fiel Rudi Thiessen die Entscheidung leicht: „Bitte lauf nicht herum wie mein Englischlehrer!“

Aber anders als der Dandy überdachte Rudi Thiessen diese Entscheidung, wie er alles überdachte. Er war ein Grübler. Seine Herkunft aus Ulm mag da eine Rolle gespielt haben, der frühe Tod des Vaters auch. Und der Umstand, dass er die Schule frühzeitig verließ, weil er eine Wette über die maximal erreichbare Höchstzahl von schlechten Noten vorgeschlagen und auch eingelöst hatte. Er versuchte sich in einer kaufmännischen Ausbildung, was seinen Praxissinn schärfte und den Willen zum akademischen Aufstieg. So kam er nach Berlin und fand zu den beiden Lehrern, die die gesamte Spannweite des philosophischen Denkens verkörperten. Jacob Taubes, der Katastrophendenker, der noch den kriminellsten Diskutanten zum Tischgespräch geladen hätte, weil er den ästhetischen Schock beim Kollidieren zweier Glaubensgalaxien so ungemein goutierte und Klaus Heinrichs, der konziliante Kopf, der stets den Ausgleich suchte, auch dort wo er unmöglich schien: zwischen Glauben und Vernunft. Eins allerdings war beiden gemeinsam, dass sie ein gutes Rätsel stets einer plausiblen Lösung vorzogen: „Wir haben ja die Antworten“, befand Taubes. „Wir haben nur die Fragen vergessen, auf die sie die Antwort gaben.“

Rudi Thiessen hielt diesen Zwiespalt aus, kalauernd gesprochen: Er hielt ihn offen, denn diese Lücke des Denkens zwischen den Felsen der Ignoranz und der Systemgewissheit war sein Zuhause. Seine Studie „It’s only rock ’n’ roll but I like it“ katapultierte ihn geradewegs ins akademische Abseits: Professoren hören keinen Pop. Aber: Populäre Musik, wenn sie mehr ist als nur Tralala, ist der Religion näher, als sie sich glaubt. Augen auf bei der Bühnenshow! Messianisch gaben sie sich alle, Jimi Hendrix, Jim Morrison, Kurt Cobain, und auch die ewig Wandernden, unsterblich Scheinenden wie Keith Richards oder Bob Dylan leben vom Kult der Verzückung, in dem der eine singt, was die anderen hoffen.

Früher hieß es Mysterium, heute ist es die Message: Wie auch immer die Vokabeln der modischen Verständigung lauten mögen: Musik ist religiöse Sehnsucht. Das Sprechen darüber, die urbanen Sprachen insgesamt, waren Thiessens Forschungsgebiet, ob das wölfische Mondgeheule der Punks oder die adretten Beats der New Romantics, sie alle verwenden Metaphern des Begehrens, deren Entschlüsselung ein Zuwachs an Würde bedeutet: In jedem Streuner steckt ein Bohemien.

Rudi Thiessen kannte keine Berührungsängste, ob im besetzten Haus, auf der Parkbank oder in der Kneipe nach dem Seminar. Er blieb in der persönlichen Begegnung stets höflich, sofern nicht offensichtliche Dummheit oder ehrgeizige Besserwisserei einen Cut erforderten. Dann konnte er sehr schneidend sein, ohne dabei die Stimme heben zu müssen. Ansonsten pflegte er diese melancholische Ironie, die sein Gesicht zärtlich in Falten legte. Warum gab er sich diese Mühe mit den Menschen? Er wollte nicht einfach so vor sich hin denken, akademisch behütet und mit Pensionsanspruch, der ihm ohnehin verwehrt wurde, denn eine feste Stelle fand sich nie. Das war sein Glück.

Philosophie führt im Kreis, wenn sie in geschlossenen Räumen betrieben wird, und so war Rudi Thiessen stets unterwegs, immer im Anzug, meist mit Krawatte und Hut, und als Feuermelder seines rauchenden Hirns ein Zigarillo. Er war ein Flaneur, ein Mann, der es zu Hause nicht aushält. Der sich nicht einmal sicher ist, ob er ein festes Zuhause wirklich braucht. Thiessen legte es darauf an, heimatlos zu sein, ohne festen Wohnsitz, zuweilen ohne Krankenversicherung, von Wohnung zu Wohnung vagabundierend, like a complete unknown, like a rolling stone. Seinen Frauen und Kindern gegenüber mühte er sich um Verlässlichkeit, und er war ein wunderbarer Vater, der seinen Kindern, kaum dass sie gehen konnten, schon den Weg zu den Gipfeln wies und ihnen früh statt Peter Pan Thomas Mann als Reiseführer nach Neverland empfahl: Willkommen auf dem Zauberberg!

Seine Wanderung durchs Leben bescherte ihm Begegnungen zuhauf, aus denen wiederum die Gespräche erwuchsen, denen er seine Einsichten verdankte. Es ist wie gemeinsam Pfennigwerfen, ein Spiel und ein philosophisches Tun zugleich, denn mehr tut auch kein Denker, als einen Pfennig zu werfen, die kleine Münze der Erkenntnis möglichst nah platziert an die große Wand des Unwissens. Und dabei summen. Oder singen. Laut singen, das konnte Rudi Thiessen gut. Er sang gern seine Thesen, er dachte musikalisch, im Takt seiner Schritte, und daraus wurden die Texte, vorformuliert im Kopf, weil sein Selbstgespräch ein so ausgeklügeltes war, das er druckreif sprach und schreiben konnte wie gedruckt, ein unendliches Gespräch mit sich und den seinen, denen er auch sein Buch „Urbane Sprachen“ widmete: „Proust, Poe, den Punks, Baudelaire und dem Park“.

Die Stadt ist unser Lebensraum, „die Lesbarkeit der Städte verteidigen und die Kunst des Lesens lehren“, nicht nur die der Heimatstadt, aller Städte, das ist die Kunst des Spaziergängers, denn die Städte sind Hoffnungsraum und Erinnerungsort zugleich. Mit Rudi Thiessen durch eine Stadt gehen, bevorzugt durch eine italienische, öffnete die Augen für die Wege, die Menschen zusammenführen, hin auf die Piazza, für die Schneisen, die sie trennen, weil sie nur dem Transport zum Arbeitsort dienen – und für die Fußballstadien, in denen sie die dionysischen Feste feiern, die die vernunfterkalteten Religionen ihnen nicht mehr gönnen. Rudi Thiessen liebte Fußball.

Ein Ungenügen am Alltag gab es schon immer, Musik ist die Melodie dieses Ungenügens, und die Poesie die Sprache dieses Ungenügens, und das Denken der Ort, wo die Sehnsucht um Fassung ringt, weil zu viel Gefühl den Blick auf die Profiteure unserer Sehnsüchte vernebelt, aber ohne diese Sehnsucht, Perfidie der Dialektik, ist Denken nur eine Rechenoperation. Und die Rechner drängt es an die Macht. Unser Leben wird zum Algorithmus. Das Verschwinden des Menschen ist schon Drama genug, aber die eigentliche Tragödie ist, dass die wenigsten es bemerken. Wir bedauern unsere Digitalisierung nicht, sondern helfen in suizidalem Verlangen täglich dabei mit. Angesichts dieser globalen Vernichtungskampagne gegen das Individuum wurde Thiessen die „krude Option auf die eigene Existenz“ zutiefst verdächtig. Wo ist mein Bleiberecht, wenn alle anderen auf das ihre verzichten?

Wer fortwährend über dem Abgrund balanciert, behält den Überblick, aber das kostet einige Anstrengung. Rudi Thiessen hatte da seinen eigenen philosophischen Dreisatz: eine Stunde Denken entspricht in etwa hundert Seiten Textverzehr, die wiederum eine Flasche Wein zur Verflüssigung benötigen, was in etliche Fragen mehr mündet, die ohne ein Dutzend Zigarillos nicht zu beantworten sind.

Die Nische ist nicht die schlechteste Heimstatt für Denker, ob Diogenes oder Sokrates, viel mehr als ein Fass oder ein Symposium braucht es nicht zum Philosophieren. Aber die Konstitution leidet. Platoniker schert das nicht, zumindest tun sie so, aber dem Trotz gegen unsere Erdenschwere folgt unweigerlich irgendwann der Kotau vor der Physis. Thiessens Herz litt, seine Arterien verengten sich, sein Bein wurde amputiert, und das Gehen, das eigentlich den Rhythmus seines Denkens vorgab, war nicht mal mehr ein Hinken: It’s alright, Ma (I’m only bleeding).

Philosophen sterben erst dann, wenn ihre Bücher vom Tisch sind, und die Fragen, die sie aufgeworfen haben, kein Verlangen mehr nach Antworten erregen. Aber, unter uns, dieses Verlangen stirbt nicht. Nicht so lange Tom Waits und Keith Richards es im Chor beschwören: „And there’s one thing you can’t lose / And it’s that feel / It’s that feel“ Gregor Eisenhauer

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