Berlin : Rudis Straßenfeger

Deutschland spielt: Kinos und Straßen sind leer, das Bier fließt. Das merken auch die Wasserwerke

Marc Neller

Seine Mannschaft hat nicht viel zugelassen. So oder so ähnlich hätte Rudi Völler dieses Ergebnis wohl kommentiert: Das Abendprogramm der Kinos am Potsdamer Platz schlug die deutsche Fußball-Nationalmannschaft mit ihrem letzten Gruppenspiel bei der Fußball-Europameisterschaft gestern sehr deutlich.

„Für heute Abend haben wir gerade mal drei Kartenvorbestellungen“, sagt die Frau an der Kasse des Imax. Sonst ist „Das Geisterschloss“ ein Hit. Am Nachmittag schien es, als bliebe der Kinosaal gespenstisch leer. Dem Cinemaxx ergeht es ähnlich. Ein prüfender Blick auf den Computer-Bildschirm, dann sagt Mohammed Hassan: „Unser Abendprogramm ist schwächer besucht als vor der Europameisterschaft. Aber so auffällig wie heute war es bisher nicht.“ Ein Drittel der Karten, die er sonst verkaufe.

Deutlich mehr Interesse als die Kinos vermeldeten die Supermärkte. „Ich hatte am Wochenende schon das Gefühl, dass sich die Kunden eindecken“, sagt Janine Rodewald, 23. „Aber heute rennen sie uns die Bude ein.“ Was Fans in der Plus-Filiale in Schöneberg so kaufen? Janine Rodewald lächelt. „Na, raten Sie mal! Cola, Bier, Wodka. Alkohol vor allem, Knabberzeug und Tiefkühlpizzas. Immer für drei, vier Leute. Das scheint die gängige Menge für die zu sein, die zu Hause gucken.“ Thomas Zischkau steht mit einem Handcomputer vor dem Getränkeregal des Kaiser’s in den Potsdamer-Platz-Arkaden. „Bier und Alkopops gehen sehr gut seit der EM. Heute erst recht.“

Was der erhöhte Bierkonsum bedeutet, weiß Stefan Natz. Er ist Sprecher der Berliner Wasserbetriebe. „Bei den großen Spielen, den Straßenfegern, haben sie während des Spiels einen recht normalen Wasserverbrauch. In der Halbzeitpause und nach dem Spiel steigt er schlagartig – und zwar deutlich. Weil die Leute dann alle auf die Toilette gehen.“ Als Deutschland vergangene Woche gegen Holland spielte, stieg der Wasserverbrauch für zehn Minuten um 80 Prozent. Für das Spiel Deutschland gegen Tschechien prognostizierte Natz einen ähnlich hohen Wert.

Rudis Deutschland, ein Straßenfeger. Stefan Natz hat Recht. „Während des Spiels haben wir kaum Kunden“, prognostizieren die Taxifahrer. Uwe Allermann findet das nicht so schlimm. „Ich will das Spiel selbst sehen.“ Weniger Nachfrage, keine zusätzlichen Abendschichten.

So leicht will sich Kino-Kassierer Mohammed Hassan nicht in die Niederlage fügen. „Soll ich tippen, wie’s ausgeht?“, fragt er. Es klingt nicht wie eine Frage, eher wie: Schreiben Sie das auf! Also gut: „Holland verliert eins-null, Deutschland verliert zwei-eins.“ Die Letten kommen weiter? Hassans Grinsen breitet sich in seinem Gesicht aus. Kleines Revanchefoul, nichts Ernstes.

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