Berlin : Rudolf Böttcher, geb. 1914

Sein erster eigener Wagen war ein F 9 aus dem Fahrzeugwerk IFA in Eisenach. Das Auto war gebraucht, als der Autolackierer-Meister Rudolf Böttcher es 1956 kaufte. Es war nicht nur Böttchers erstes Auto. Der IFA F 9 war auch der erste Wagen, der in der DDR entwickelt und gebaut wurde; ein kleines tropfenförmiges Ding mit Türschlägen, bei denen das Scharnier hinten war. Der F 9 hatte kreisrunde Scheinwerferaugen und ein fliehendes Heck.

"Seine äußere Form, seine elegante Linie" waren "bestechend", ist in einem Testbericht der Zeitschrift "Der Deutsche Straßenverkehr" von 1953 zu lesen. "Nachdem nun allenthalben dieser Wagen das Straßenbild der Deutschen Demokratischen Republik belebt, gleiten immer wieder wohlgefällige Blicke über ihn hinweg."

Auch Rudolf Böttchers Wohlgefallen war groß, nur störte ihn die Farbe. Und weil er Autos lackieren konnte, hat er seinen ersten eigenen Wagen gleich nach dem Kauf umgespritzt. Die Farbe Froschgrün gefiel ihm damals besonders. Das muss ein abenteuerliches Unterfangen gewesen sein, mit so einem Farbfleck durch die Gegend zu fahren. Damals waren fast alle Autos schwarz.

Böttcher war aber kein Abenteurer. Er ist zeitlebens schwer für alles, was neu war, zu begeistern gewesen. Spaghetti mit Tomatensoße zum Beispiel, die es bei seiner Tochter häufig gab, hat er nie gegessen. Altdeutsche Küche musste es sein, sagt sie, genau so wichtig war ein geregelter Tag. Morgens um sechs Uhr aufstehen, 12 Uhr zum Mittagessen, abends sechs Uhr das Abendbrot. Auch in seiner Werkstatt lief nie etwas krumm, sagt Böttchers Tochter.

Das ist deshalb bemerkenswert, weil sein Betrieb eine von nur elf Privat-Lackierereien in Ost-Berlin gewesen ist. Man hätte sich eine goldene Nase verdienen können. Hat Böttcher aber nicht. Das heißt, lukrativ war es schon, auch für einen rechtschaffenen Mann. Aber eine Jacht wie schwarzarbeitende Konkurrenten besaß er nie.

Lästig war der Autokauf. Wer einen Neuwagen haben wollte in der DDR, der brauchte nicht nur Geld, der musste sich dafür auch auf eine Warteliste setzen lassen. Bis man an der Reihe war, vergingen Jahre. Der zweite Wagen von Böttcher war deshalb auch ein Gebrauchter. Ein Wartburg 311, ein "Drei-Elfer". Der war blau und blieb blau. Wie der Nachfolger dieses Wagens auch, blau und gebraucht, ein Modell der nächsten Wartburg-Generation, ein "Drei-Dreiundfuffziger". Den hat Böttcher gefahren, bis er nicht mehr konnte, bis 1996.

Die Lackiererei war eine mühsame Arbeit. Die Wagen mussten geschliffen werden, von Hand, mit Sandpapier. Vor den Füßen stand ein Eimer mit Wasser zum Eintauchen des Schleifpapiers, damit der Abschliff herausgespült werden konnte. Anschließend Unebenheiten mit Spachtelmasse ausgleichen, und noch einmal schleifen. Dann kam die Grundierung auf das Blech, die musste trocknen, und jetzt erst kam der Lack, in mehreren Schichten. Wenn der trocken war, wurde poliert. Der Glanz wäre nicht von alleine gekommen.

Als Böttcher sein Herz an die Farbe Froschgrün verlor, hat Autolack bestialisch gestunken, sagt sein Schwiegersohn heute. Noch dazu war er giftig. Die grauen Gummimasken mit Aus- und Einatemventil und Kohlefilter hat sich Böttcher dennoch nie über die Nase gestreift. Das war ihm lästig. Überhaupt hat er sich wenig um seine Gesundheit geschert, lieber jeden Tag Zigarren geraucht, Marke "Handelsgold", das Stück für 20 Pfennig. Trotzdem ist er 86 Jahre alt geworden. toh

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