Berlin : Rudolf Herzfeldt (Geb. 1912)

Die Ruhe, nach der sein Herz verlangte, fand er selten nur im Leben

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Sich tot stellen. Um nicht getötet zu werden. Rudolf Herzfeldt liegt auf dem Rücken, auf hart gefrorenem Schnee. Das Panzerdröhnen, die Schüsse und Schmerzensschreie sind verstummt. Da hört er Stimmen, russische Sätze, genau über ihm. Er versteht die Sätze, obwohl er seit Jahren kein Russisch mehr gesprochen hat. „Der hat ja einen Gurt mit goldener Schnalle“, sagt der erste Soldat. „Ist das der Kommandant?“, fragt der zweite. Rudolf atmet nicht. Hände zerren an seinem Koppelschloss, knöpfen den Gehpelz auf, reißen seine Stiefel von den Füßen. Der Frost kriecht in ihn hinein. Er rührt sich nicht. Wieder nähern sich Schritte. Andere Hände lösen die Uhr von seinem Gelenk, ziehen den Ring von seinem Finger. Rudolf betet. Die Zeit dehnt sich grausam. Erneut kommen Menschen auf ihn zu. Jemand greift in seine Brusttasche. Lässt seine Hand auf Rudolfs Herz liegen, sagt: „Sonderbar, er fühlt sich noch warm an. Lebt er etwa noch und verstellt sich nur?“

„Und dann geschah das Unglaubliche“, schreibt Rudolf Herzfeldt in seinen Erinnerungen, „die Schritte entfernten sich.“

Er war davongekommen, an diesem Januartag 1945, auf einem Feld, irgendwo in Polen, so wie er dem Tod schon in den Jahren zuvor immer wieder entgangen war. Das erste Blut im Taschentuch nach einem Hustenanfall entdeckte er kurz nach dem Abitur. Noch stuften die Ärzte die Tuberkulose als leicht ein, verschrieben ihm frische Luft auf dem Land. Doch die Krankheit hatte sich in seinen Lungen eingenistet, er fuhr von einem Sanatorium zum nächsten, musste seine Arbeitsverhältnisse jedes Mal wieder unterbrechen, wurde schließlich, nach Monaten in russischer Gefangenschaft, in die er in jenem Januar 1945 doch noch geraten war, als Invalide entlassen.

„Heimgesucht“ nannte er eine Sammlung von Gedichten, die er in der Rückschau auf sein Leben geschrieben hatte, die von den düsteren Zeiten sprechen, jedoch ohne Klage, die Heimsuchungen nicht als Strafe, sondern als Prüfung Gottes verstehen, eines Gottes, der bei ihm blieb. Schon während der Kinderjahre, in denen seine deutschstämmige Familie Sankt Petersburg nach der Revolution von 1917 in einem geschlossenen Güterwagen verlassen und in Berlin tagein, tagaus Kohlrübeneintopf in der Volksküche essen musste. Der Vater versuchte, als Handelsvertreter Fuß zu fassen, die Inflation aber zwang ihn, wieder fortzugehen. Ein alter englischer Bekannter bot ihm eine Stellung in seinem Geschäft in Riga an, so zog er von Neuem los, mit seiner Frau und den drei Söhnen.

In Riga war alles anders als in Berlin. Sie bewohnten drei Zimmer zur Untermiete bei einem älteren Ehepaar. In der Schule sprachen die Lehrer ausschließlich Lettisch und Russisch. Das Geschäft des Engländers erwies sich als unrentabel. Aber es gab auch die langen Sommer auf dem lettischen Land mit den weiten Wiesen und den Obstbäumen und einem Flüsschen, in dem Rudolf schwimmen lernte. Er ging nun jeden Sonntag zum Gottesdienst der reformierten Kirche, erhielt seine Konfirmation und trat dem „Christlichen Verein deutscher junger Männer zu Riga“ bei.

Ab dem 30. Januar 1933 veränderten sich die Verhältnisse noch einmal grundlegend. Hitler übernahm die Macht, und die Letten sahen die Deutschen jetzt mit anderen Augen. Lehrstellen wurden kaum noch an sie vergeben. Rudolf hatte Glück und fand zumindest für ein halbes Jahr eine Beschäftigung in einem Ingenieurbüro, half dann als Stenotypist und Buchhalter seinem Vater, der inzwischen die Vertretung deutscher Firmen in Lettland übernommen hatte. Aber Rudolfs Wunsch zu studieren zerplatzte. Die Tuberkulose brach erneut aus, und ein Lungenspezialist empfahl ihm zur Kräftigung den freiwilligen Arbeitsdienst, der, körperlich wie ideologisch, nichts anderes war als eine Vorbereitung auf den Krieg.

Nach dem Überfall auf Polen mussten die Deutschen Lettland verlassen – eine Folge des Hitler-Stalin-Paktes. Sie kehrten „heim ins Reich“, das sich jetzt weit in den Osten hinein erstreckte. Als Rudolf in Posen ankam und eine Wohnung besichtigte, sah er dort auf dem Tisch die halb geleerten Tassen der polnischen Familie, die, gerade als sie frühstückte, abtransportiert worden war.

Das Herz verlangt nach Ruh’. / Der Weg durch dunkle Täler / wird steil und stetig schmäler / und führt dem Engpass zu.

Die Ruhe, nach der sein Herz verlangte, fand Rudolf Herzfeldt selten nur im Leben. Immerhin war er davongekommen, Millionen anderer, darunter sein jüngster Bruder, hatten es nicht geschafft.

Wenn Zeiten und Räume zerstoben, / sind Hoffnung und Glaube erfüllt, fügte er dennoch hinzu. Hoffnung und Glaube verließen ihn nie, auch nicht, als seine Frau, die er bei seiner Arbeit in der Neuköllner Bethlehemsgemeinde kennengelernt hatte, erkrankte, er sie zehn lange Jahre, in denen sie nur liegen durfte, umsorgte. Er wusste: Was mir widerfahren, Wohl und Weh, bis jetzt, / diente mir zu wahren Segnungen zuletzt. Tatjana Wulfert

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