Berlin : Rudolf Michael (Geb. 1931)

Schließlich lockerte er den allzu straff gezogenen Lebensfaden

Sie ist 15, vielleicht auch erst 14, schwieriges Alter jedenfalls, früh immer müde, mürrisch. Aber gegen einen gut gelaunten, poetisch ambitionierten Vater ist auch sie machtlos. „Wake up said the sun to the violet, wake up my violet sweet“, deklamiert Rudolf in das Halbwüchsigenzimmer hinein und Caroline könnte ihr Kissen nach ihm werfen, eine Zumutung, um diese Zeit mit Shakespeare oder wem auch immer zu kommen, Goethe gestern, Schiller vorgestern. Dass er das alles überhaupt noch aufsagen kann, du meine Güte. Und während Caroline empört in ihre Decke schimpft, spürt sie eine große Zärtlichkeit.

Ihr Vater: immer tipptopp die Kleidung, niemals wäre er im Schlafanzug an den Frühstückstisch geschlurft, alle Anzüge picobello im Schrank, die Schuhe nur beste Ware, Holzschuhe und Militärstiefel hatte er lang genug über die Kriegsjahre tragen müssen, selbst als er später mit Ingeborg in dem Haus auf dem Land nah der Ostsee lebte und Geschäftsführer einer Biobauerngesellschaft wurde, nicht nur Stallgebäude plante und Langzeitarbeitslose anleitete, sondern auch gemessenen Schrittes über den Acker lief und die Saat ausbrachte und Kartoffeln aus der Erde klaubte, trug er italienische Schuhe. Haltung. Haltung war schon immer wichtig.

Rudolfs Vater, SPD-Mitglied und Mitglied des Bundes aktiver Demokraten, geriet 1933 in Gefangenschaft. Zwar kam er wieder frei, die Luft aber in der westpommerschen Stadt wurde dünn für ihn, er verlor seine Arbeit, und die Nazis ließen ihn nicht aus den Augen. Trotzdem konspirierte er weiter, und nutzte dazu auch die unschuldigen Kindergesichter: Setzte Rudolf, fünf, und seine Schwester, sieben, in den Zug nach Berlin, gab ihnen eine Aktentasche mit geheimen Papieren, die in Berlin von Annedore Leber, der Frau des Widerstandskämpfers Julius Leber, entgegengenommen wurden; anschließend ging es noch auf eine Brause zu Tante Amanda und dann zurück nach Hause.

Familiengeschichten, die Caroline immer wieder hörte. Geschichten, die die Familie prägten. Ihr Vater, der, inzwischen 17 und auf dem Gymnasium, mit einer Klassenkameradin ging, mit Lieselotte. Lieselottes Mutter wurde 1943 in Auschwitz vergast, Lieselotte hatte sich mit ihrer Schwester Ingeborg rechtzeitig verstecken können. Die schlimme Zeit überstand sie, aber sie bekam sie nicht aus dem Kopf. Mit 20, sechs Jahre nach Kriegsende, brachte Lieselotte sich um. Zwei Briefe hinterließ sie, einen an Ingeborg, ihre Schwester, einen an Rudolf. „Kümmere dich um Inge“, stand in seinem, aber Inge war verheiratet. Kümmere dich, dennoch. Die Bitte einer Toten. Doch keine Last. Er kümmerte sich liebend gern.

Rudolf und Ingeborg verband das Jahrzehnte andauernde politische, philosophische, literarische Gespräch, die Freude, in Freiheit zu leben, diese Freude an die Kinder weiterzugeben. Sie unternahmen Kulturwochenenden, gingen in Theater und Museen. Natürlich konnte es erhebend sein, ein Peter- Stein-Stück anzusehen, ein Kunstwerk zu betrachten. Aber immer war es auch das Gebäude selbst, das Rudolf genoss. „Mein Vater eröffnete mir Räume“, sagt Caroline, „Stadträume, Naturräume, Räume in Gebäuden.“

Vor seinem Bauingenieurstudium hatte er eine Maurerlehre absolviert und an der Architekturnachkriegsmoderne im Berliner Hansaviertel mitbauen dürfen, hatte noch Walter Gropius und Mies van der Rohe gesehen. Seit den Sechzigern plante er die Gebäude für die BfA, projektierte Kurkliniken fürs ganze Land, fuhr von Föhr bis Bad Kissingen, stieg auf in der Hierarchie, bekam den Auftrag, die Hauptverwaltung der BfA am Hohenzollerndamm zu errichten, einen silbernen Turm, ein immenses Projekt, eine immense Verantwortung, der er, der Korrekte, der Pflichttreue, nicht mehr standhielt. Zuerst war es ein kleiner Whisky, dann wurden es zwei, dann drei, dann zählte er nicht mehr. Karriereknick. Kalter Entzug. Rückfall. Zweiter Entzug. Eine Erkrankung? Nein, das Wort war ungeeignet. Ich war charakterschwach, sagte er, habe mich einfach nicht zusammengenommen. Keine Haltung gezeigt.

Caroline atmete auf, bei aller Bestürzung: Ihr Vater, dessen Begabung nicht gerade im Besprechen eigener Seelenzustände lag, lockerte den allzu straff gezogenen Lebensfaden. Er erinnerte sich an Lieselottes Brief: „Kümmere dich um Inge.“ Er hörte auf mit der Trinkerei, er nahm sich zusammen, er kümmerte sich. Sie zogen für ein paar Jahre in das Haus an der Ostsee, sie verbrachten die Ferien in dem Sommerhäuschen bei Montpellier, sie schrieben einander zärtliche Zettel.

Dann wurde Ingeborg krank, und er pflegte sie, bis sie starb. Acht Monate später, Ende Januar, sagte er zu Caroline: „Ich fühle mich nicht gut, ich möchte ins Krankenhaus.“ Er zog sich einen Anzug und die italienischen Schuhe an und ging los. Im Krankenhaus fragte ihn eine Schwester: „Wie geht es Ihnen, Herr Michael?“, und er antwortete: „Meine Frau ist vor etwas mehr als einem halben Jahr gestorben. Jetzt kann ich nicht mehr.“

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