Berlin : Rudolf Schillen-Kanbay (Geb. 1953)

Eine Entschädigung lehnt er ab. Schweigegeld? Nicht mit ihm!

von

Ich mag den Blues, aber nur wenn andere ihn haben!“ Das war einer von Rudis Sprüchen. Rudi, der in Berlin einen verzweifelten, auszehrenden Kampf um einen Platz im Leben führte, um Anerkennung und Respekt. Als könne er mit diesem Mantra das Unglück, die Verletzungen und Enttäuschungen bannen, die seine Begleiter waren. Atemholen war ihm selten vergönnt. Als er Luft bekommt und Licht sieht, versagt ihm sein geschundenes Herz den Dienst. Der letzte Schlag.

Geboren wird er in Herforst, einem kleinen Dorf zwischen Bitburg und Trier. Eine große Familie, vier Schwestern und ein Bruder, gutbürgerlicher Hintergrund, der auch nach dem frühen Tod des Vaters Bestand hat. Die Mutter ist Künstlerin, ein Weg, den auch Rudi und sein Bruder einschlagen werden. Aber zunächst beginnt er eine Schlosserlehre. Aber mit seinen langen Haaren kann er keine Gesellenprüfung ablegen. 1969 flieht er nach West-Berlin und lässt sich durch die Welt der Hippies treiben, Kommunen, Drogen, Musik.

Billiges Haschisch gibt es aber anderswo: Mit einer größeren Menge davon wird er an der holländischen Grenze festgenommen. In der alten Heimat Rheinland-Pfalz kommt er vor Gericht. Weil er seine Freunde nicht verraten will, verweigert er die Aussage – und wird für fünf Jahre ins Gefängnis gesteckt, davon zwei Jahre Einzelhaft.

Rudi fängt im Knast an, Gedichte zu schreiben, und er macht eine Buchbinderausbildung. Nach der Entlassung 1979 geht es zurück nach West-Berlin. In Charlottenburg und Schöneberg weht inzwischen ein neuer Wind, Punk und New Wave. Im „Dschungel“, der legendären Diskothek an der Nürnberger Straße, treffen sich die, die dazugehören wollen.

Rudi lernt Rana kennen, eine Lehramtsstudentin. Sie wird seine große Liebe. Die beiden heiraten und bekommen zwei Kinder. Und auch sonst geben sie ihrem Leben neue Richtungen, sie wird Fotografin, er wird Tischler. Sein Gesellenstück provoziert die Innungsvertreter: Eschenholz beizt er schwarz, ein Sakrileg. Aber seine Fähigkeiten stehen außer Frage. Er bekommt einen gut bezahlten Job als Tischler mit therapeutischen Aufgaben in einem Antidrogenverein.

Die Klientel ist nicht einfach, die Produktion von Möbeln, Spielzeug und die Renovierungsarbeiten belasten ihn mehr, als er erwartet hat. Arbeitsschutz ist hier ein Fremdwort, Staubmasken sind nicht vorhanden. Lacke, Lösungsmittel, Staub – nach tagelangen Renovierungsarbeiten in einer Kita bei voll aufgedrehter Heizung revoltiert sein Immunsystem. Er bricht zusammen. Ein Arbeitsunfall?

Es bleibt ein Lungen- und Leberschaden. Und ein zermürbender Streit um Berufsunfähigkeit und Schmerzensgeld. Rudi reagiert nun auf vieles mit Atemnot. „Paranoider Vergiftungswahn“ lautet die Diagnose, die seine Ansprüche deckeln soll. Selbst die Berliner Luft ist eine ständige Belastung für ihn.

Die Familie hält zusammen und zieht nach Kreuzberg: Wir gegen den Rest der Welt. Als liebevoller Vater und Ehemann ist er die Idealbesetzung. Die neue Wohnung ein Traum, bis sich der Eigentümer, ein bekannter Architekt, entschließt, das Dachgeschoss über ihnen auszubauen. Schnell, billig für ihn und teuer für die neuen Kreativen, die einziehen sollen. Die Umbaumaßnahmen werden zum Albtraum. Es tropft aus den Deckenbohrungen. Es sollen Gifte verwendet worden sein, der Strohmann-Bauleiter aus dem Osten verschwindet spurlos. Rudi und seine Frau klagen, sie wenden sich an die Presse, an den Petitionsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses. Die irgendwann angebotene Entschädigung lehnt Rudi ab: Schweigegeld? Nicht mit ihm. Er will Aufklärung und Gerechtigkeit.

Aber die Umsetzwohnung, zwei Zimmer in Wedding müssen sie annehmen. Sie sind zermürbt, körperlich und seelisch. Der Großteil des alten Mobiliars ist verloren, weil kontaminiert. „Flucht vor dem Gift“ steht über einem Zeitungsbericht. Aber welches Gift, das lässt sich nicht mehr klären, die „Psychopathologisierung“ der Opfer beschäftigt die Anwälte der Gegenseite.

1998 die Rückkehr nach Kreuzberg, eine neue Wohnung, in Eigenregie baubiologisch getrimmt. Aber Atemholen fällt Rudi schwer. Der lange Kampf hat ihn gezeichnet, er stottert, hat Konzentrations- und Gedächtnisprobleme.

Der Blues ist da. Nicht nur in seiner großen Plattensammlung. Rudi spielt selbst Gitarre, er liebt John Lee Hooker genauso wie Hank Williams und Joe Strummer von den „Clash“. Rudis Band spielt die Punk-Klassiker als Balladen, sie nennen sich „Die Gehetzten“. „Ich denke ans Sterben … aber alles bleibt gleich.“ Rudi lässt sich durch die Subkultur treiben, die Stützpunkte tragen Namen wie „Mongo-Bar“, „Trödler“, „Azul“, „Kraftwerk“, „Vollmond“.

Er selbst legt sich einen neuen Namen zu, „Sheik Russel I“ nennt er sich. Ironie? Rana hat für diesen „Irrweg“ wenig Verständnis. Armut ist ein ständiger Begleiter. Er spielt für Getränke. Wenn er kein Geld hat, bezahlt er bei wohlgesonnenen Wirten mit Knöpfen. Andere geben ihm Bier, damit er keine Musik macht, nennen ihn abschätzig „Rudi Rallala“. Dabei haben seine surreal-melancholischen Texte Hitcharakter. Sein Punkblues trifft das Kreuzberger Lebensgefühl genauso wie seine Collagen und Holzobjekte. Sein künstlerischer Kommentar zum 1. Mai: eine Holzplatte mit Löchern, ein Kreuz in der Mitte, auf dem ein Pflasterstein festgeschnallt ist. Um das Kreuz tanzen Körper, hinter den Löchern geben flackernde Leuchtdioden das Blaulicht. Aber die Scouts des Kunstmarkts interessieren sich nicht für derlei konkrete Kommentare.

Rudis Ehe zerbricht, die Scheidung 2004 ist eine weitere Zäsur. Auch wenn er den Kontakt zu seiner Familie sucht und findet, scheint vieles verloren. Unwiederbringlich.

Er lernt eine extrovertierte junge Frau kennen, auch sie Künstlerin. Als 2006 ein Sohn zur Welt kommt, ist ihre Liebe schon Geschichte. Bei der Geburt ist er dennoch dabei. Was folgt, ist ein bitteres Drama in Akten, das alle Beteiligten zu Zerstörern und Zerstörten werden lässt. Rudi will den Kontakt zu seinem Sohn, der ihm verwehrt wird. Die Mutter hat das alleinige Sorgerecht, seine Kontaktversuche beantwortet sie mit einer Anzeige wegen Stalking. Die gegenseitigen Bezichtigungen beschäftigen das Jugendamt und auch die Polizei. Ein Sorgenfall wie Rudi, der ums Sorgerecht kämpft, erzeugt Befremden.

Sein Versuch, über einen Betreuer einen Fürsprecher beim Jugendamt zu gewinnen, gerät zum Fiasko. Schnell gräbt der den „Vergiftungswahn“ wieder aus, will sich mit dem „Gestörten“ einen dauerhaften Fall schaffen. Erste Amtshandlung: Rudi soll raus aus dem Kiez, er landet in einer verrotteten Wohnung in Prenzlauer Berg. Der Hausschwamm macht ihn fertig. „Mageninhalt überprüfen“ heißt seine Losung, wenn er ans Fenster tritt und sich in den Hof erbricht.

2007 kleine Erfolge. Ein Gutachten attestiert ihm „Multiple Chemical Sensivity“, von „Wahn“ spricht jetzt niemand mehr. Der Betreuer ist per Gerichtsbeschluss auch Geschichte. Rudi ist nüchtern. Erste begleitete Umgänge mit dem Kind, später erweitert sich das. Rudi liebt seinen Sohn, während die Kindsmutter an ihre Grenzen stößt. Ein Hin und Her, Kinderwohngruppe, Kinderheim, Entwicklungsstörungen.

Rudi kämpft, sein Leben ist nun allein auf Familie ausgerichtet. Rana, seine Ex, und seine erwachsenen Töchter unterstützen seine Rückkehr nach Kreuzberg. Sie haben nicht vergessen, was für ein liebevoller Vater er war und freuen sich auf den kleinen Halbbruder. Alles andere ist Vergangenheit. Das Jugendamt hat nun die Vormundschaft über den kleinen Sohn. Von Mai bis Dezember 2010 lebt er bei Rudi, die Mutter nimmt ihr Umgangsrecht selten wahr. Im Dezember dann der Schock. Sie setzt es durch, dass der Sohn in ein Heim kommt.

Die Ungewissheit, der Verlust und der Stress bringen Rudis Herz aus dem Tritt. Er soll sich operieren lassen und lässt die Monate vergehen. Er findet keine Ruhe für so einen Eingriff. Dann, im April, die überraschende Wende. Er bekommt das alleinige Sorgerecht, ist voll rehabilitiert.

Aber zu viel ist passiert. Alles sind Trümmer. Dabei wollten er und Rana wieder heiraten. Sie hat ihn nie aufgegeben. In einer Sommernacht muss er alles, wofür er gekämpft hat, zurücklassen. Erschöpft. Ohne Abschied. Erik Steffen

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

3 Kommentare

Neuester Kommentar