Berlin : Rücken an Rücken – das Turnfest im Klassenzimmer

Viele Sportler wohnen während der Großveranstaltung in Schulen – wie Volleyballer aus dem Badischen im Wedding untergebracht sind

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„Willkommen in der Bronx von Berlin. Lassen Sie nichts im Auto liegen und parken Sie nur unter Laternen.“ Der Hausmeister der DiesterwegSchule meint es bestimmt nur gut. „Aber wenn man acht Stunden im Auto gesessen hat, würde man doch gerne anders begrüßt werden“, sagt Wolfram König. Der 55-Jährige ist mit seiner Volleyball-Mannschaft am Sonnabend aus dem südbadischen Weinort Fessenbach angereist, um am Freizeit-Turnier des Deutschen Turnfestes teilzunehmen, wie knapp 10000 andere Volleyball-Begeisterte. Untergebracht sind sie in der Weddinger Diesterweg-Schule, eine der Unterkünfte, in denen die Sportler des Badischen Turnerbundes schlafen.

Das Klassenzimmer im zweiten Stock teilen sich die Fessenbacher mit Turnern und Volleyballern aus Dauchingen. Knapp 40 Quadratmeter für 20 Leute – kein Problem für Sportler, man versteht sich schnell und spielt noch ein bisschen Volleyball zusammen. In der Mitte des Raumes stehen vier Schultische, darauf die Sporttaschen. Die Stühle dienen als Kleiderständer für Trikots, Jogginghosen und Knieschoner. An der Tafel stehen noch die Matheformeln einer langen Unterrichtsstunde, jetzt trocknen dort Handtücher. Daneben hängt die selbst gemalte Fahne mit dem Logo des Vereins.

Überhaupt – ein bisschen Lokalpatriotismus muss schon sein. Dafür sind die Badener, immerhin die zweitgrößte Teilnehmergruppe beim Turnfest, bekannt: Fast alle kennen die Strophen des Badnerliedes auswendig. Und das wird oft gesungen: im Schlafraum, in der U-Bahn oder beim Badischen Abend am Dienstag, bei mitgebrachtem Klingelberger Riesling und Tannezäpfle-Bier.

Geschlafen wird auf den Isomatten und Luftmatratzen, Schlafsäcken und Kissen, die jeden freien Meter im Klassenzimmer einnehmen. Rücken an Rücken liegt man so, jedes Umdrehen und jeder Schnarcher wird registriert. „Das frühe Aufstehen ist hart, aber ich bin von der Schule auch nichts anderes gewöhnt“, sagt Ulrich Quarti, mit 17 der Jüngste im Team. Neben dem Sport steht Sightseeing auf dem Programm: Potsdamer Platz, das Aquarium, die Hackeschen Höfe und natürlich das Mahnmal. Am Freitag geht’s dann wieder heim ins Ländle – hoffentlich mit einer Medaille im Gepäck.

Fessenbach ist ein idyllischer Vorort von Offenburg, 1300 Einwohner. Von dort nach Wedding – ist das ein Kulturschock? „Nein, nach Halle-Neustadt beim letzten Turnfest sind wir so einiges gewöhnt“, sagt König, der schon zum sechsten Mal dabei ist. Dass die Badener beim Turnfest in Leipzig die schlechtesten und abgelegensten Unterkünfte hatten, ist auch Peter Hanisch bekannt. Der Präsident des Landessportbundes Berlin hatte daher angekündigt, dass sie in diesem Jahr ganz zentral nahe des Brandenburger Tors untergebracht würden, als Wiedergutmachung sozusagen. „Aber da der VSG Fessenbach kein Mitglied im Turnerbund ist, wurde es eben Wedding“, sagt König.

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