Berlin : Rücken an Rücken

Um 12 Uhr glaubte der Leiter des Strandbades Wannsee, die Berliner seien sonnenmüde. Dann kamen die Massen. Die Freibäder waren noch voller

Christian van Lessen

„Den 30. Juni 1984 vergesse ich nicht“, sagt Axel Ott am Sonntag mit leichter Wehmut. „Da waren 39 600 zahlende Gäste im Wannseebad, „Rücken an Rücken.“ Heute muss der Strandbadleiter auch bei anhaltend hochsommerlichen Temperaturen mit ganz anderen Zahlen rechnen. Bis 12 Uhr sind gerade mal 2000 Gäste gekommen, und hätte nicht unerwartet eine halbe Stunde später der Ansturm eingesetzt, wären viele Strandkörbe leer geblieben. Die Innenstadtbäder sind dagegen schnell proppenvoll.

Nein, der Tag fängt nicht gut an für das Strandbad. „Die Leute sind ein bisschen sonnenmüde“, sagt Ott am Mittag. Von fünf Kassen sind zwei erst gar nicht geöffnet. Doch dann beginnt der unerwartete Run auf das Bad, und Ott erinnert sich an 1984. Am frühen Nachmittag sonnen sich schon mindestens 5000 Besucher im Wannseebad, und weitere 1000 werden trotz drohender Gewitterwolken erwartet. An den Kassen bilden sich Warteschlangen. Otts Miene hellt sich mit jeder Stunde auf. Wenn an heißen Sommertagen gar 10 000 Besucher kommen, ist man im Wannseebad und bei den Berliner Bäderbetrieben BBB hochzufrieden.

Die alten Rekordzahlen sind Geschichte. BBB-Chef Klaus Lipinsky bestätigt den Eindruck, dass eher die Innenstadtbäder von der gegenwärtigen Heißwetter-Phase profitieren. „Der Berliner braucht drei Tage, um auf eine Sonnenperiode zu reagieren.“ Jetzt könnten Bäder wie Wannsee hohe Besucherzahlen einfahren, sagt Lipinsky, doch nun seien es die beinahe regelmäßigen Unwetter-Vorwarnungen, die Gäste abhielten. Viele Leute scheuten bei der Hitze auch den weiten Anmarschweg. Strandbadbesuche, zeige die Erfahrung, seien eben als Tagesausflüge angelegt, die Freibäder in der Stadt eher gut für kurzfristige Besuche.

Das „Lochowbad“ an der Wilmersdorfer Forckenbeckstraße zählt nach Angaben von Badleiter Aziz Hawaz bis zum Nachmittag „mindestens 8000 Besucher“. Es wären, sagt Hawaz, gut und gern 10 000 gekommen, wenn sich nur die Sonne intensiver gezeigt hätte. Es zahle sich aus, dass das Bad so verkehrsgünstig gelegen sei, mit Bussen und Bahnen gut zu erreichen. Am Nachmittag sieht das Wannseebad mit seinen 6000 Besuchern so voll aus wie in seinen besten Zeiten. Die Leute liegen vor, hinter und zwischen den Körben wieder Rücken an Rücken. Zu den letzten, die einen Strandkorb ergattern, gehören die Familien Winkler und Sahl. „Ohne Strandkorb wären wir nicht hier geblieben“, sagt Uwe Sahl.

Die Familien wollten eigentlich an den Heiligensee, hörten aber, dass es dort mit der Wasserqualität nicht zum Besten steht. Sie entschieden sich kurzfristig für den Wannsee und bedauern es nicht. „Das Wasser ist in Ordnung, und die Hitze macht uns im Schatten des Strandkorbs nichts aus.“ Was solle man mit Kindern bei diesem Wetter auch anderes anfangen? Hunderte anderer Badegäste liegen in der prallen Sonne. Um 15 Uhr sind die Zufahrten mit parkenden Autos so verstopft, dass die Polizei die Straßen sperrt. Strandbadleiter Ott wird davon informiert. „Damit habe ich heute wirklich nicht gerechnet“, sagt er.

In den Berliner Bäderbetrieben wünschte man sich allerdings noch mehr Andrang. Trotz des anhaltend heißen Wetters werde es aber kein Rekordjahr geben, sagt Bäderchef Lipinsky. Die Besucherzahlen werden etwa der des Vorjahres entsprechen. Liegt es an den höheren Preisen? Lipinsky verneint. Er glaubt, dass weniger Kunden kommen, weil sie die Drei- oder Sechs-Monats-Karten vermissen.

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