Rückepferde : Der Stamm-Halter

Hermann ist seit Jahren im Spandauer Forst im Einsatz – als Rückepferd. Es zieht abgeholzte Bäume aus dem Wald.

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Das Arbeitstier. Rückepferd Hermann muss von Forstwirt Andreas Riedel regelmäßig gebremst werden. Foto: Bemmer
Das Arbeitstier. Rückepferd Hermann muss von Forstwirt Andreas Riedel regelmäßig gebremst werden. Foto: Bemmer

Das kann Hermann, 15, nicht ab. Sein Kumpel ist hinter dem Hügel verschwunden, und er soll hier jetzt allein weiterarbeiten? Sein rechtes Auge guckt beleidigt. Sein linkes wurde entfernt. Die Operation, Hermann hatte Augenkrebs, ist noch nicht allzu lange her, sagt Andreas Riedel, der den ganzen Tag hinter Hermann herläuft. Riedel atmet schwer, Hermann auch. Sie machen jetzt Pause. Und da kommt der Kumpel auch schon zurück.

Leo, 17, zwei Augen. Hinter ihm her marschiert Jürgen Redetzki. Eine Kette war gerissen, wurde ersetzt, an der kleinen Lichtung, wo der Bauwagen steht. Weiter geht es mit der Arbeit, über die Redetzki sagt, sie sei nicht nur hart, sie sei auch gefährlich. Dann lacht er und kratzt sich an der blauen Wollmütze.

Paarweise schlagen sie sich ins Unterholz des Spandauer Forstes. Riedel und Redetzki, die beiden Forstwirte, jeweils hinten, und vorne Hermann und Leo, zwei Pferde von der Rasse des Schleswiger Kaltbluts, Arbeitstiere. Man nennt sie Rückepferde. Denn sie rücken Holz.

Hermann und Leo sind zwei von sechs Rückepferden, die es in den Berliner Forsten gibt. Von morgens früh bis 15 Uhr ziehen sie abgeholzte, zersägte, entastete Bäume, man sagt: geerntete Baumstämme, aus dem Unterholz an die Wegesränder des Waldes, ein Bestandteil des Landschaftsschutzgebiets Tegeler Forst, wo die von Lkw abgeholt werden.

Sie sehen sich recht ähnlich, Hermann und Leo, stämmige fuchsfarbene Pferde, tellergroße Hufe mit Eisen, in die Stollen gedreht werden, damit sie nicht ausrutschen. Sie sind massig, aber feurig. Vier, fünf Jahre werden die Rückepferde ausgebildet, lernen „hott“ für rechts und „wiest“ für links, bevor sie einsatzfähig sind. Seither sind die beiden in Spandau – und immer als Duo – unterwegs. Riedel und Redetzki, die sich in ihrer Berliner-Forsten-Arbeitskleidung – grün mit orangefarbenen Signalstreifen – ebenfalls ähnlich sehen, stiefeln hinter ihnen her. Sie dirigieren das Pferd in die richtige Stellung. Dann legen sie die Kette um die Baumstämme, die über das Rückegeschirr vom Pferd gezogen werden. Sie ächzen und schnaufen, und immer wieder rufen sie „brrrrrr“.

An diesem Wintermorgen sind sie im Waldschnitt Jagen 24 unterwegs. Zersägte Kiefernstämme liegen links und rechts der Wege. Material für Sägeindustrie und Spanplattenherstellung, Berlin verdient gutes Geld an seinen Wäldern. Vier Kollegen sind den verschneiten Waldweg entlanggekommen, sie grüßen kurz und verschwinden zwischen den Kiefern und Eichen. Und dann ertönt das Jaulen ihrer Sägen. Bäume, an denen rote Striche sind, werden abgeholzt.

30 bis 40 Festmeter Holz kann ein Rückepferd pro Arbeitstag ziehen, das sind in etwa Kubikmeter. Und es ist deutlich weniger, als eine Maschine schaffen würde. Doch auf Holzerntemaschinen verzichtet die Forstverwaltung ganz bewusst. Solche Harvester machen alles in einem: fällen, entasten, zerteilen, transportieren. Aber dafür brauchen sie Platz. Schneisen müssten geschlagen werden für die Maschinen, die dann den Boden plattwalzen, oder tiefe, lange Furchen ziehen, die viele Kleinlebewesen nicht mehr überwinden können. Das passiert mit den Rückepferden nicht, und deshalb sind sie als „waldverträgliche Arbeitsverfahren“ Teil des Berliner Waldpflegekonzepts, das 2002 nach den Kriterien des Forest Stewardship Council (FSC) zertifiziert wurde.

Die Rasse, der Hermann und Leo angehören, ist darüber hinaus eine aussterbende, das Forstamt betreibt also aktiven Artenschutz. Was seit deren Anschaffung Riedel und Redetzki ausbaden. Denn die Tiere, die sie zuvor hatten, Süddeutsches Kaltblut, waren spürbar temperamentloser. Riedel: „Die stellte man wohin, und ein Jahr später standen die da noch.“

Brrrr! Leo, der Zweiäugige hat einen Riesensatz gemacht. Am Stamm hinten an seinem Geschirr hat sich ein langer Ast verhakt, der zwischen zwei Bäumen steckenblieb. Hinten festhängen, das gefällt Leo, von Natur aus Fluchttier, nicht. Er wirft seine 700 Kilogramm Gewicht nach vorne, Redetzki springt hinterher, aufpassen muss er, dass er nicht hängenbleibt, es könnte böse Verletzungen geben. Hat es auch. Einmal im Sommer hat so ein Rückepferd mit dem Stamm ein Erdwespennetz aufgeschlitzt, da gingen die Wespen hoch, das Pferd geriet in Panik, trat aus – und traf den Mann hinter sich. Trümmerbruch im Arm.

Brrr!, und Feierabend. Den Weg zur Lichtung traben die Pferde forsch voran, die Männer hinterher. Die Tiere werden abgeschirrt, das Geschirr auf den Pick-up verladen, dann gehen die Pferde in den Hänger, und langsam rollen Mensch und Tier durch den Wald zurück zum Forstamt an der Schönwalder Allee. Auf Hermann und Leo warten Tröge voll mit Hafer. Auf Riedel und Redetzki auszufüllende Arbeitsnachweisformulare.

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