Berlin : Rückzug aus der Mitte

Hasso Plattner will Kunsthalle am Jungfernsee bauen Pläne für den Lustgarten nach Kritik verworfen.

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Standortbestimmung. Das Mercure-Hotel soll jetzt doch nicht der geplanten Kunsthalle weichen. Foto: dpa
Standortbestimmung. Das Mercure-Hotel soll jetzt doch nicht der geplanten Kunsthalle weichen. Foto: dpaFoto: picture-alliance/ ZB

Potsdam - Der Softwaremilliardär und Mäzen Hasso Plattner will seine Kunsthalle doch nicht in Potsdams Mitte bauen. Stattdessen soll das Projekt auf dem Gelände des Softwarekonzerns SAP am Jungfernsee im Norden der Stadt umgesetzt werden, einem früheren Kasernengelände, wo das Unternehmen ein Innovationszentrum baut und keinerlei Konflikte drohen. Bis zum Schluss hatten Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck und Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (beide SPD) versucht, Plattner umzustimmen.

Der Unternehmer begründete den Rückzug vom Prestigestandort mit Konflikten um den Abriss des Mercure-Hotels im Lustgarten, um an dieser Stelle vis-à-vis zum Stadtschloss die Kunsthalle zu errichten. Für Abriss, Grundstückskauf und Bau war mit Kosten von fast 45 Millionen Euro gerechnet worden. „Eine Privatperson sollte nicht an einer so exponierten Location gegen den Willen einer Minderheit oder zulasten Einzelner persönliche Ziele verwirklichen“, sagte Plattner. „Die extrem hohen Kosten sind vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Schwierigkeiten vieler Potsdamer Bürger nur schwer zu vermitteln.“

Tatsächlich hatten Tourismus- und Hotelbranche angesichts der hohen Besucherzahlen den Verlust zahlreicher Gästebetten und Arbeitsplätze beklagt. Zudem entzündeten sich an dem früheren Interhotel alte Konflikte, über die Plattner sagte: „Viele alteingesessene Potsdamer würden im Gegensatz zu den Zugereistem den Abriss des Mercure als einen Verlust an Geschichte der DDR empfinden.“ Vor allem die Linke lehnte den Standort ab. Streit gab es auch mit der Weißen Flotte, die auf dem Gelände Baurecht hat und für ihre Ausflugsdampfer ein Restaurant- und Verwaltungsgebäude bauen will. Jetzt läuft alles darauf hinaus, dass das 17-geschossige Mercure mindestens weitere 20 Jahren betrieben wird. Ansonsten müsste die Stadt das Gebäude von der US-Investmentgesellschaft Blackstone kaufen und abreißen. In Potsdam wurde die Nachricht vom Rückzug aus der Innenstadt weitgehend und parteiübergreifend mit Bedauern aufgenommen, zumal das erst im April verkündete Geschenk Begeisterung ausgelöst hatte und die Kritik am Standort für Potsdamer Verhältnisse moderat blieb. Das Projekt galt als große Chance für die Landeshauptstadt. Das gesamte Ensemble aus wiederbelebter historischer Innenstadt, neuem Landtagsschloss und Kunsthalle wäre einmalig und in der ohnehin bei Touristen beliebten Stadt eine weitere Attraktion. In der Halle sollte ostdeutsche Kunst der vergangenen 60 Jahre und klassische Moderne – teils aus Plattners Privatsammlung – gezeigt werden.

Oberbürgermeister Jakobs bedauerte Plattners Entscheidung, zeigte sich aber erleichtert, dass der Mäzen, der 1998 das Institut für Softwaresystemtechnik an der Universität Potsdam gegründet, aber auch Fassade und Kupferdach des Stadtschlosses finanziert hatte, in Potsdam bleibt. Auch andere Städte wie Berlin buhlten um das Projekt. TV-Moderator Günther Jauch, ebenfalls eifriger Spender und Potsdamer, kommentierte den Rückzug von Plattners „idealem“ Wunschstandort“ mit einem Seitenhieb auf Potsdam. „Der Mann hat mit der Stadt wirklich eine Mischung aus Esels- und Engelsgeduld“, sagte Jauch. „Gleichzeitig vermag ich nicht zu sagen, ob hier wieder mal Potsdamer Verhinderungsexperten am Werk waren.“ Alexander Fröhlich

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