Berlin : Ruhestörung in Friedrichshain

Erst brannte das Auto einer Anwohnerin, die sich gegen Kneipenlärm wehrte – nun schwirren im Kiez die Gerüchte

Thomas Loy

Was? Ein Brandanschlag? Kann man sich gar nicht vorstellen in dieser sonnendurchfluteten Ansammlung von Straßencafés. Die Simon-Dach-Straße in Friedrichshain, kurz SDS, ist ein Mekka für friedliche Happy- Hour-Sit-Ins entspannter Berliner und Berlin-Fans. So hat es zumindest den Anschein. Und so denken auch die Wirte. Erst wenn der Name der Besitzerin des Autos fällt, das am Mittwoch früh abgebrannt wurde, verschließen sich die Gesichter: Ach nee, Frau S.?!

Frau S. hat sich als Sprecherin der „Aufgeweckten“, der Anwohnerinitiative gegen den abendlichen Kneipenlärm aus der Deckung gewagt. Jetzt wurde sie offenbar dafür abgestraft. Die Vermutung liegt nahe, dass einer der Kneipenbetreiber dahinter steckt. Die Wirte weisen das mit Nachdruck zurück. „Völliger Quatsch“, sagt Rico vom Café Hundertwasser. „Immer wenn es Ärger gibt in der Straße, denken die Leute gleich an die Wirte.“ Eine andere Theorie über den Urheber des Anschlags hat Rico allerdings auch nicht.

Rico kennt Frau S. schon lange. Er glaubt, sie sei in ihrem Kampf gegen den Kneipenlärm „zu weit gegangen“. Ihr gehe es nicht mehr um die konkrete Belästigung durch Lärm oder Geruch, sondern um das ganze Kneipenviertel an sich. Deshalb sei der Dialog mit ihr auch abgebrochen. „Ich nehme ihre Vorwürfe nicht mehr ernst.“

Rasphal Singh vom „Yogi-Snack“ spricht sehr bedächtig und leise, als wolle er demonstrieren, wie sehr die Wirte um einen Ausgleich mit den Anwohnern bemüht seien. In letzter Zeit sei „alles prima“ – auch wenn es ihn sehr schmerzt, schon um 22 Uhr die Terrasse zu schließen. „Man kann alle Probleme friedlich lösen“, sagt Singh. Mit Frau S. habe er übrigens ein sehr gutes Verhältnis.

Die Anwohner-Initiative „Die Aufgeweckten“, zu der Frau S. gehört, versucht schon seit vier Jahren, gegen den Kneipenlärm vorzugehen. Da es mehrfach zu Anfeindungen gekommen war, habe man sich darauf verständigt, seine Namen nicht zu nennen, sagt ein Mitglied. „Es gab Droh-Emails und mal zugeklebte Türschlösser.“ Mit einem solchen Angriff habe man allerdings nicht gerechnet. Für die „Aufgeweckten“ liegt es auf der Hand, dass jemand aus den Reihen der Wirte dahinter steckt. Diese seien untereinander zerstritten, heißt es. Nicht alle haben sich der Initiative „Wir(te) in Friedrichshain“ angeschlossen, die als Verhandlungspartner für die Anwohner fungiert. Ein Dutzend Kneipen würden von einem türkischen Familienclan betrieben, der eine aggressive Expansionspolitik betreibe. Fragt man herum, will allerdings niemand etwas davon wissen. Im „Euphoria“, das zum Clan gehören soll, gibt sich ein türkischer Bodybuilder als Chef zu erkennen, lehnt aber jeden Kommentar ab. Für Öffentlichkeitsarbeit sei die Wirte-Initiative zuständig.

Im „Ayetano“ sitzen zwei Mitarbeiter, die auch lieber anonym bleiben möchten. Sie vermuten eher einen Wirrkopf hinter dem Anschlag. Stress machten in der Straße eher die Bewohner. „Die haben schon mal Buttersäure auf die Straße geworfen.“ Marco Schulz von der Rock-Kneipe gegenüber ärgert sich über die Doppelmoral der Anwohner. „Die gehen hier ihr Bier trinken, und wenn sie zu Hause sind, beschweren sie sich über den Lärm.“

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